Im schwindenden Licht des Sonnenuntergangs glich der Himmel über Seoul einem Aquarellgemälde. Ein helles, sattes Orange zeichnete sich über dem Horizont ab, gespickt mit Flugzeugen, die dort oben auf ihre Landeerlaubnis warteten. Darunter, auf einer Landstraße, die sich in der Dämmerung durch grüne Hügel schlängelte, fuhr ein Bus. In diesem Bus saßen Jake „Jake“ Lyon, Jiri „LiNkzr“ Masalin, Benjamin „BigGoose“ Isohanni, Stanislav „Mistakes“ Danilov, Malik Forté und ich. Trotz der allgemeinen Erschöpfung unterhielten sich alle sehr aufgeregt, während der Bus uns zum Hotel schaukelte.

„Ich brauche eine Dusche. Ich bin so verschwitzt“, stöhnte ich, den Zimmerschlüssel bereits in der Hand.

„Würde ich sofort retweeten“, entgegnete Jake, weise nickend.

FÜR DIE WELT AUF DER BÜHNE

Der Overwatch World Cup 2018 ist Vieles zugleich. Er ist der beste Wettbewerb in der Saisonpause der Overwatch League. Er ist eine Chance für ehemalige Mitglieder desselben Teams, wieder zusammenzukommen und wie früher gemeinsam Kopfschüsse zu landen. Er ist eine Gelegenheit für Fans aus aller Welt, ihren Idolen ganz nah beim Spielen zusehen zu können. Er rückt vielversprechende Talente ins Rampenlicht, die so den Sprung in die Overwatch League schaffen könnten. Und er ist eine Gelegenheit, neue Freundschaften zu schließen.

Incheon's Standout Players

Incheons herausragende Spieler

Findet heraus, welche Spieler aus jedem Team uns in der Gruppenphase in Südkorea am meisten beeindruckt haben.

Wenige Tage vor Beginn der Gruppenphase in Incheon wimmelte es in der Umgebung rund ums Hotel von Spielern aus Südkorea, Hong Kong, Japan, Finnland, Russland und Chinesisch Taipeh. In einem Café nebenan saßen sich Südkoreas Yeon-Jun „Ark“ Hong und Japans Takahiro „Claire“ Watanabe gegenüber, nippten unter neonfarbenen Schriftzeichen an ihren Getränken und blickten auf ihre Handys.

Als sich die Spieler später versammelten, um Porträtfotos für die Übertragung machen zu lassen, sprachen die Kommentatoren mit jedem Team, um sie besser kennenzulernen. Team Hongkong litt unter Lampenfieber, da die meisten Mitglieder noch nie so etwas wie den World Cup erlebt hatten.

„Der World Cup war auch meine erste LAN“, sagte Jake sanft.

Crowd shot at Incheon

Grüße aus Incheon

Tag 1 | Tag 2 | Tag 3

Die Spieler von Team Japan wurden im Interview gefragt, in welchem Team der Overwatch League sie am liebsten spielen würden – wenn sie könnten. Sean „ta1yo“ Henderson übersetzte die Frage für seine Teammitglieder ins Japanische, und Claire konnte sich kaum auf dem Stuhl halten, so schnell antwortete er.

„Er sagt, er würde für jedes Team, in beliebiger Rolle spielen“ sagte ta1yo, während Claire zuerst auf Jake und dann zu sich selbst zeigt und dabei begeistert nickt.

UNTERSTÜTZUNG MIT SYSTEM

Drei Tage lang füllten hunderte Fans Studio Paradise, um sich die Matches anzusehen. Es waren nicht nur viele Frauen dabei, das Publikum war sogar überwiegend weiblich. Die Frauen, viele in Trikots der Overwatch League, waren unglaublich gut organisiert und mit selbstgemachten Schildern und Geschenken für ihre Lieblingsspieler bewaffnet. Das war ihre Chance, ihre Idole in Fleisch und Blut zu sehen – und die Chance haben sie sich sicher nicht entgehen lassen.

Team Seoul

Der Weg zum World Cup: Saebyeolbe

Vom Barista zum Stellvertreter seiner Nation: Saebyeolbes Weg zu Ruhm und Ehre wird von zwei Teilnahmen beim Overwatch World Cup gesäumt.

Als Team Korea die Bühne betrat, schlugen die Wellen der Begeisterung mit Unterstützung der heimischen Fans noch ein wenig höher. Die Fans verwendeten ein ausgeklügeltes Anfeuerungssystem vor jedem Spiel. Die letzten drei Sekunden vor dem Beginn einer Karte wurden von einer Frau – so laut es nur ging – auf koreanisch herabgezählt. Am Ende des Countdowns brüllte das Publikum einen Kampfschrei, der sich mit „Südkorea kämpft!“ übersetzen lässt.

Selbstverständlich war die Heimmannschaft der klare Favorit unter den Fans. Dennoch war das Publikum in Incheon unglaublich höflich gegenüber allen Teilnehmern. Team Finnland versammelte sich vor jedem Match zum Teamschwur auf der Bühne, den die Mitglieder mit einem lauten „Torille“ beendeten. Das Publikum nahm diese Tradition sofort in ihre Jubelschreie mit auf und trommelte dabei aufgeregt und unter lautem Geschrei mit ihren Thundersticks.

Die ganze Veranstaltung über blieben die Fans aktiv. Ununterbrochen wedelten sie mit ihren Thundersticks – während die Kommentatoren zwischen den Karten sprachen, wippten sie mit ihnen leise vor und zurück. Jede Eliminierung rief lauten Jubel hervor. Die Fans jubelten auch dann, wenn ein Team nach einer Niederlage die Bühne verließ. Sie neigten ihre Thundersticks zu ihnen – als würden sie ihnen für ihre Bemühungen danken.

Taimou

Der Weg zum World Cup: Taimou

Wir verfolgen Taimous Weg von seinen Anfängen als Profispieler über seine Zeit bei Team Finnland bis zu seinem Beitritt zu Dallas Fuel zurück.

Die Begeisterung der Fans erstreckte sich über alles auf, aber auch vieles neben der Bühne. Die Spieler konnten sich kaum bewegen, ohne umringt zu werden. Manche Fans warteten an Seitenausgängen auf Spieler, die den Veranstaltungsort verließen, und benachrichtigten aufgeregt ihre Freunde. Die Fans bildeten lange Warteschlangen an den Rändern der Lobby.

Als Team Finnland nach dem letzten Match der Gruppenphase in Incheon die Bühne verließ, war BigGoose ein wenig langsamer und wickelte noch sein Tastaturkabel auf. Als er nach unten kam, um sich hinter die Bühne zu begeben, begann eine Gruppe weiblicher Fans in der ersten Reihe zu rufen: „BigGoose! BigGoose!“

Als er sich zu ihnen umdrehte, begannen sie zu winken und riefen: „Fighting!“ Ein wenig ungläubig lächelte er ihnen zu.

Das ist das Tolle an Esports, Overwatch, und dem Overwatch World Cup – egal wo wir auf der Welt sind, wir alle lieben es. Es ist großartig zu entdecken, wie verschiedene Fans diese Liebe zum Ausdruck bringen.

Der Overwatch World Cup wird am Freitag, dem 7. September fortgesetzt, wenn in der Blizzard Arena in Los Angeles die Gruppenphase für Österreich, Brasilien, Kanada, Norwegen, die Schweiz und die USA stattfindet.