Nach dem Saisonende der Overwatch League 2018 ließ der DPS-Spieler der Houston Outlaws, Jake „Jake“ Lyon, die Tastatur hinter sich und setzte das Headset auf, um sich während der Gruppenphase als Moderator des Overwatch World Cup in Incheon, Korea zu versuchen. Hier sind seine Erfahrungen von hinter dem Mikrofon.

Ich bin von Natur aus ruhelos. Ein „geregeltes Leben“ ist ein Unterfangen, bei dem ich in der Vergangenheit nicht sehr erfolgreich war. Als mir die Gelegenheit geboten wurde, als Moderator für den Overwatch World Cup einzuspringen, war die Aussicht, die Saisonpause mit einem Abstecher in einen völlig unbekannten Bereich der Esports-Produktion zu beginnen, gleichzeitig aufregend und furchteinflößend.

Die unerschütterliche Unterstützung der Overwatch-Community, das Können auf Seiten des Produktionsteams und mein Moderationspartner Andrew „ZP“ Rush machten diesen Auftrag zu einer Chance, die ich nicht ablehnen konnte.

Der erste Eindruck

Ich kam dank anständiger Mahlzeiten, fünf Filmen in Folge und einer beginnenden Mario Tennis Aces-Sucht heil an. Noch besser war, dass ich es ohne stechende Rücken- oder Nackenschmerzen nach Korea geschafft hatte.

Die Kultur war spürbar, sobald ich festen Boden unter den Füßen hatte. Der Flughafen Incheon ist geräumig, effizient angelegt und beeindruckend sauber. Genau wie die Stadt selbst war auch mein Hotelzimmer kompakt und voller Annehmlichkeiten.

Als ich mich auf der Suche nach etwas Essbarem auf den Weg in die Stadt machte, war ich beeindruckt, wie stark die Restaurants auf eine bestimmte Küche ausgerichtet sind. In den USA erwartet man eine große Auswahl an Gerichten. In Korea ist Spezialisierung die Norm – und nach dieser Reise freue ich mich auf mehr davon. Während der Woche habe ich viele beliebte Gerichte der koreanischen Küche probiert: Von extra scharfer Instant-Ramen (danke an den Fan, der sie mir geschenkt hat!) bis hin zu erstklassigem koreanischem Barbecue. Die unglaubliche Geschmacksvielfalt werde ich am meisten an Korea vermissen.

Unter Zeitdruck

Ich würde gerne behaupten können, dass ich an meinem ersten Tag nicht nervös war und gute Arbeit geleistet habe, aber wie es so oft bei ersten Tagen ist, war ich durchaus aufgeregt und habe meine eigenen Erwartungen nicht erfüllt. Ich wusste von vornherein, dass mein Können als Moderator noch einigen Feinschliff braucht, selbst nach den vielen Stunden, die ich in Los Angeles mit ZP an stumm geschalteten Contenders-VODs geübt hatte.

Die tolle Unterstützung der Produktions-Community hat es mir allerdings schwer gemacht, während des Events eine selbstkritische Einstellung beizubehalten. Viele der Profis in diesem Bereich haben sich die Zeit genommen, um mir ehrliches Feedback zu geben. Dafür bin ich sehr dankbar.

Es wäre nachlässig von mir, nicht auch ZP für seine großartige Hilfe zu danken. Er hat vor dem Event in seiner Freizeit mit mir geübt, während der Moderationen stets perfekte Überleitungen für mich geschaffen und mir Profi-Tipps für Eventmoderatoren gegeben (von Reisebuchungen bis zu alltäglichen Bedürfnissen). Ich kann mir keinen besseren Moderationspartner vorstellen.

Jeden folgenden Moderationstag hatte ich mehr und mehr Selbstvertrauen. Am Ende war ich zwar noch nicht da, wo ich sein wollte, aber dank der tollen Hilfe und Unterstützung meiner Kollegen hatte ich mich zumindest deutlich verbessert. Achilios, Wolf und Doa waren auch unglaubliche Reiseleiter in der Stadt und ich habe das Gefühl, wirklich einen guten Eindruck von Seoul und Incheon während meiner Zeit dort bekommen zu haben.

Warum wir spielen

Die Fans beim Overwatch World Cup zu treffen, hat all meine Erwartungen übertroffen. Es war ein tolles Gefühl, so viele engagierte Unterstützer zu sehen, besonders, weil die Fans so freundlich und höflich waren und weil ich so weit von zu Hause weg war. So viele Geschenke habe ich bisher nicht einmal zu Weihnachten oder zu meinem Geburtstag bekommen; es war absolut überwältigend.

Ich möchte mich bei allen Fans bedanken, die mich als Spieler und Shoutcaster ermutigt und unterstützt haben. Es war eine besondere Zeit und ich habe es geliebt, mitten im Geschehen eines bedeutsamen Esports-Event dabei zu sein. Es hat mich daran erinnert, warum ich so lange davon geträumt habe, ein Profispieler zu werden – an die Leidenschaft, die uns alle in der Community dazu antreibt, sich zu messen, zu arbeiten und anzufeuern.

Während den langen Arbeitsstunden der Vorproduktion habe ich mehr als ein tiefgründiges Gespräch über dieses Thema mit anderen Teammitgliedern geführt. Wir haben Erinnerungen an unsere ersten Erfahrungen in der Welt des Esports ausgetauscht. Erinnerungen an Triumph und Trübsal. Die Intensität dieser Momente – von Sieg und Niederlage, Ekstase und Verzweiflung – wurde mit der Zeit schwächer, aber das nostalgische Gefühl, dort gewesen zu sein, bleibt bestehen.

Um ehrlich zu sein, ist mein Leben in den letzten Jahren so schnell an mir vorbeigezogen, dass ich mir nie die Zeit genommen habe zurückzublicken. Damals hatte ich sogar Angst, mir meine Ambitionen selbst einzugestehen. Sie kamen mir so zerbrechlich und unrealistisch vor, dass ich die Worte unmöglich laut aussprechen konnte, ohne dabei auch zwangsläufig über die Möglichkeit des Versagens nachzudenken. Esports war nur eine Idee, nichts Greifbares, von dem ich jemals ein Teil sein könnte. Zum Glück wurde dieser Traum schließlich zur Realität, als ich ein professioneller Gamer wurde.

Traumprojekt

Als Shoutcaster habe ich einen Einblick hinter die Kulissen gewonnen und die Erfahrung hat mich energiegeladener als je zuvor gemacht. Ich weiß jetzt, wie viele leidenschaftliche Menschen zusätzlich zum Übertragungsteam hinter den Kulissen arbeiten. In Incheon waren sogar viele Sicherheitsleute und des Eventmitarbeiter Overwatch-Fans. Es war inspirierend.

Als ich aufwuchs, war ich immer unsicher wegen meine Liebe zu Spielen. Es war ein sehr befreiendes Erlebnis, eine Woche mit anderen Menschen zu verbringen, die einfach nur über unglaubliche Matches oder Sichtweisen zu Spieldesign reden wollen. Natürlich erlebt man das als Spieler in einem professionellen Team ebenfalls, aber durch die Linse des professionellen Wettkampfes erhält diese Leidenschaft einen anderen Charakter.

Als Moderator beim Overwatch World Cup in Incheon zu arbeiten war für mich in gewisser Weise eine Rückkehr zu meinem Dasein als Fan. Ich habe mich auf hart umkämpfte Matches gefreut und war absolut gespannt auf die Ergebnisse sowie die Dynamik der Eventpräsentation. Dieses Event hat meine Wurzeln als Gamer wieder zum Vorschein gebracht und meine Leidenschaft für Esports neu entfacht. Und ZP hat mich daran erinnert, wettbewerbsorientiert zu bleiben und weiterhin daran zu arbeiten, das bestmögliche Unterhaltungsprodukt zu liefern.

Obwohl ich weiß, dass ich weitere Saisons als Profispieler bestreiten werde, war das Shoutcasting ein inspirierender und belebender Abstecher, der noch nicht ganz vorbei ist. Ich kann nicht leugnen, dass ich es etwas bedauere, mich nicht für das Team der USA beworben zu haben. Aber wenn ich heute wieder die Wahl hätte, würde ich dieselbe Entscheidung treffen.

Man erhält nicht jeden Tag die Möglichkeit, die Welt zu bereisen und eines der führenden, globalen Esports-Events von Anfang bis Ende zu verfolgen. Ich ziehe meinen Hut vor jedem in der Community, der dasselbe tut, ob vor Ort oder digital. Ich kann mein nächstes Event kaum erwarten!

Jake kehrt als Shoutcaster zurück, wenn ab Freitag, den 14. September die Gruppenphase: Bangkok des Overwatch World Cup beginnt.