Wenn man Pongphop „Mickie“ Rattanasangchod zum ersten Mal sieht, fällt einem sofort sein Lächeln auf. Man kann es kaum übersehen, weil er es immer auf den Lippen trägt. Es ist die Art Lächeln, die man am liebsten mit sich herumtragen möchte, damit Andere es auch sehen können. Dieser erste Eindruck verlässt einen nie, und obwohl das Lächeln eine simple Geste ist, machte es einen großen Teil davon aus, was Mickie in der Overwatch League so beliebt macht.

Beim All-Star Game der Overwatch League am Sonntag hat Mickie den ersten Dennis Hawelka Award für den Spieler mit dem größten positiven Einfluss auf die Community erhalten. Diese Auszeichnung wurde in Gedenken an Dennis „INTERNETHULK“ Hawelka ins Leben gerufen, der letzten November verstorben ist und nicht nur für seine Beiträge als Spieler, sondern als jemand, der großen Einfluss auf die Community von Overwatch hatte, in Erinnerung bleiben wird.

Für Fans und Zuschauer fühlt sich die Wahl von Mickie wegen seines außerordentlichen Charmes und seiner unerschütterlichen positiven Einstellung so natürlich wie ein Sonnenaufgang an. Mickie selbst wurde von Hawelkas Einfluss allerdings richtiggehend verwandelt und zutiefst persönlich berührt. Er hat ihn von Thailand nach Südkorea und schließlich nach Los Angeles gebracht und ihn von einem örtlich bekannten Spieler zu einer Berühmtheit der Overwatch League gemacht.

Oder wie Mickie es ausdrückt: „Das ist mehr als nur eine Auszeichnung. Dennis hat mein Leben verändert.“

Esports und traditionelle Sportarten haben ihre Fangemeinde in Thailand, aber der Werdegang als Sportler ist nicht unbedingt angesehen. Meist reicht es aber schon, wenn ein Mensch den Durchbruch schafft, um das Unmögliche in einen Traum zu verwandeln. Mickie nennt als Vergleich die Verpflichtung des südkoreanischen Fußballspielers Ji-Sung Park vom englischen Premier League-Team Manchester United als bekannteres Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man seinen Vorbildern nacheifert.

Für Kinder in Thailand und ganz Südostasien ist Mickie ihr Ji-Sung Park, vielleicht sogar in einem noch größeren Ausmaß, weil er aus einer abgelegenen Region kommt und es durch äußerst glückliche Umstände ins Rampenlicht geschafft hat.

Dabei hat Dennis Hawelka eine große Rolle gespielt.

Als INTERNETHULK ist Hawelka auf der BlizzCon mit Team Deutschland beim Overwatch World Cup 2016 angetreten, der zwischen der Gruppenphase und den Playoffs der ersten Saison des südkoreanischen Turniers APEX stattfand. Hawelka und der Rest seines Teams, EnVyUs, kamen aus verschiedenen Ländern und mussten für ihren Auftritt bei den Playoffs schnell wieder in Form kommen.

Währenddessen haben Mickie und Team Thailand in der Gruppenphase für Aufsehen gesorgt, als sie knapp gegen China verloren und gegen Frankreich gewannen, dann allerdings in beiden Entscheidungsmatches das Nachsehen hatten. Während des Turniers freundete sich Mickie mit einem spanischen Spieler an: Jonathan „HarryHook“ Tejedor Rua, Hawelkas Teamkollege bei EnVy.

„Vor unserer Abreise vom World Cup fragten sie mich nach meinen Kontaktdaten bei Skype“, erinnert sich Mickie. „Damals noch aus keinem bestimmten Grund. Niemand hatte EnVy verlassen, aber Dennis meinte, dass sie sich in Zukunft bei mir melden würden. Er sagte, falls sie eines Tages jemanden brauchen sollten ...“

Das war Anfang November, und ein paar Wochen später stellte sich heraus, dass EnVyUs jemanden brauchen würde. Ein Spieler hatte eine Woche vor dem APEX-Viertelfinalmatch gegen Rogue plötzlich das Team verlassen. Hawelka musste improvisieren, und so spät in der Saison gehörten nur wenige gute Spieler noch nicht zu einem Team. Jemanden aus der koreanischen Rangliste zu verpflichten war eine Möglichkeit, aber die Sprachbarriere und der Nationalstolz (EnVy ist eine amerikanische Organisation) verhinderten das.

Also wandte sich Hawelka an Mickie, der sich zunächst fragte: „Warum ich? Er war ein Flex-Tank; der ehemalige EnVy-Spieler spielte DPS. Warum nicht einer seiner Teamkollegen? Aber Hawelkas Beweggründe hatten nichts mit dem Spiel zu tun.

„Er erzählte mir, dass er auf den Charakter achtet – wie ich mit meinen Emotionen umgehe“, erzählt Mickie. „Er meinte, wenn er jemanden will, der gut spielen, zielen und Gegner töten kann, dann findet sich so einen Spieler im Handumdrehen. Er meinte, dass man nur schwer Spieler mit einer positiven Einstellung findet und dass sein Team genau das brauchen würde. Deshalb hat er mich ausgewählt.“

Seht euch hier das VOD von Mickies APEX-Debüt an – nach nur ein paar wenigen Trainingstagen, gegen das selbstbewusste und ungeschlagene Team Rogue – und ihr werdet sehen, was Hawelka gesehen hat.

Ihr werdet sehen, dass Mickie mit seinem breiten Lächeln seine Hand senkt anstatt sie zu heben, als EnVy sich vor dem Spiel auf die Partie einstimmt. Ihr werdet sehen, wie er die Posen seiner Teammitglieder nachahmt, mit verschränkten Armen, breitem Stand und einem ernsten Blick für das Publikum. Ihr werdet ihn in der Kabine sehen, wo er nervös (wer wäre das nicht?), aber konzentriert aussieht. Ihr werdet sehen, wie er sich eingewöhnt und in jeder Situation und egal bei welchem Spielstand der Kamera ein Lächeln schenkt. Ihr werdet sehen, dass das Team noch keine Zeit hatte, ihm sein eigenes Trikot zu besorgen, weshalb er das seines Managers trägt.

Ihr werdet sehen, wie aufgeregt er ist, nachdem er EnVy auf Gibraltar zum Sieg verholfen und eine fünfte Karte erzwungen hat. Ihr werdet sehen, wie er auf der fünften Karte Eichenwalde mit Selbstzerstörungen Multikills abstaubt um EnVy den Sieg zu verschaffen, der gerade wegen Mickies Anwesenheit umso überraschender kam. Nicht, weil er nicht dorthin gehörte, sondern weil es aussah, als gehörte er schon immer zu diesem Team.

Timo „Taimou“ Kettunen, der seit mittlerweile fast zwei Jahren Mickies Teamkollege ist, erinnert sich gerne an diese ersten Tage zurück.

„Als Mickie zum Team kam, sprach er kaum Englisch“, erzählt er. „Vor dem Playoff-Match gegen Rogue hatten wir drei oder vier Tage. Er ist mit uns einkaufen oder essen gegangen und hat versucht, unsere Sprache nachzuahmen, aber er hatte einen so starken Akzent.“ Taimou lacht, bevor er ergänzt: „Das macht er immer noch ständig – das nervt.“

Mickies Charakter hat es sofort all seinen neuen Teammitgliedern angetan, aber zwischen ihm und Hawelka bestand eine besondere Verbindung, und er konnte trotz seiner fehlenden Englischkenntnisse gut mit ihm kommunizieren. Ihre Freundschaft hat sich über die Grenzen von Overwatch erstreckt, zum Teil, weil Hawelka seine Teammitglieder hervorragend vereinen konnte.

„Wenn wir uns in unserer Freizeit, an Feiertagen oder an einem Freitagabend entspannt haben, war er immer derjenige, der alle eingeladen hat – ‚Wollt ihr etwas unternehmen?‘“, erinnert sich Mickie. „Und das ist auch Teil des Lebens – man will nicht 12 Stunden lang vor dem Computer sitzen und trainieren. Natürlich muss man auch mal etwas anderes machen. Gerade deswegen mochte ich ihn so gerne.“

Für jene, die ihn kannten, war das Hawelkas große Stärke – die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen, sowohl im Spiel als auch außerhalb. Man könnte sagen, dass Mickie seine Einstellung und seinen Charakter verkörpert, was mit dem Dennis Hawelka Award anerkannt und gefeiert wird.

„In einer Saison voller Höhen und Tiefen für Fuel war Mickie immer positiv gestimmt“, steht im Brief des Teams, mit dem er für die erste Auszeichnung nominiert wurde. „Er ist herzlich. Er ist ein Lehrer, ein Mentor, ein wissbegieriger Spieler, er ist fleißig, ein Publikumsliebling und der erste, der Neuzugänge bei Fuel begrüßt und sich mit ihnen an die Arbeit macht. Er nimmt sich die Zeit, seine Fans, Mitspieler, Mitarbeiter und jeden in der Overwatch League kennenzulernen.“

Fuels Brief beschreibt Mickie weiter als „zweifellos den fröhlichsten Spieler der Overwatch League“, und wenn man diesen Wert auf einer Lächelskala messen könnte, würde jeder zustimmen.

„Er versucht, immer positiv zu bleiben“, so Taimou. „Er gibt sich Mühe, seine Teamkollegen aufzumuntern. Wenn das Team wütend wird und er die Spieler nicht beruhigen kann, fühlt er sich, als hätte er versagt.“

Für Mickie ist seine positive Einstellung keine Fassade und er will damit auch niemanden täuschen – er will ganz einfach, dass ihn jeder von seiner besten Seite sieht. Diesen Grundsatz kann Mickie nur schwer in Worte fassen, aber wie immer versucht er es nur zu gerne.

„Seine Gefühle unter Kontrolle zu halten ist schwer, nicht wahr?“, fragt er. „Ich versuche mir vorzustellen, dass ich nicht deprimiert sein will und ich die Leute, die mich anfeuern, nicht traurig machen will. Natürlich fühle ich mich schlecht, wenn wir verlieren, aber das will ich nicht zeigen. Ich bin nicht ständig glücklich, das wäre verrückt. Ich bin nur ein ganz normaler Mensch. Manchmal fühle ich mich schlecht, manchmal bin ich traurig. Ich spreche mit meinem Team und erzähle ihnen davon, aber ich zeige es äußerlich nicht. Das wäre schlecht für die Fans. Außerdem sieht meine Familie zu, und ich will nicht, dass sie sich Sorgen um mich machen.“

Mickie kann sich nicht an das letzte Mal erinnern, dass er ein LAN-Turnier in seinem Heimatland gespielt hat. Das thailändische Team konnte sich nicht für den Overwatch World Cup 2017 qualifizieren und sie hätten es auch dieses Jahr nicht geschafft, wäre Thailand nicht als Austragungsort für die Gruppenphase ausgewählt worden. Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die restlichen Teams der Gruppe – darunter China und Schweden – stärker als Mickies Team sind, aber das schmälert die Vorfreude auf das Event nicht, das vom 14. bis 16. September in Bangkok stattfindet.

„Ich bin ganz einfach glücklich“, erzählt er. „Die thailändische Overwatch-Szene ist nicht besonders groß, und ich möchte, dass sie zeigen, was sie draufhaben. Der World Cup ist für sie die beste Gelegenheit.“

Mickie ist eines von zwei wiederkehrenden Mitgliedern aus dem Team von 2016, und als einziger Spieler aus Südostasien auf dem höchsten Spielniveau von Overwatch fühlt er den zusätzlichen Druck, nicht nur starke Leistungen zu zeigen, sondern auch sein Team anzuführen. Diese zusätzliche Verantwortung lastet zwar schwer auf Mickie, aber er sieht sie auch als Chance, das Image des Esports in der Region zu verbessern.

„Das ist eine gute Gelegenheit für die nächste Generation in Thailand oder Südostasien“, erklärt er. „Zumindest können sie ihren Eltern zeigen: ‚Seht her, das ist echter Esports, und Menschen auf der ganzen Welt akzeptieren das.“

Von einem Botschafter für Overwatch könnte man nicht mehr Hingabe erwarten, als Mickie bereits gezeigt hat. Er ist nicht ganz Ji-Sung Park, aber dennoch kaufen Menschen auf der ganzen Welt sein Trikot, und Kinder sehen ihn als Vorbild nicht nur dafür, was sein könnte, sondern wie man sein sollte. Die Gelegenheit, seine Fertigkeiten und Leidenschaft vor heimischem Publikum zu zeigen, wird sich laut Mickie nicht viel anders anfühlen, weil er auch weiterhin nur er selbst sein will.

„Ich will nicht behaupten, dass mein Team das beste ist, aber wir werden alles daransetzen, zu den besten zu gehören“, so Mickie. „Wir werden nicht nur antreten und verlieren, sondern wir werden im World Cup unser Bestes geben. Wir werden versuchen, es zur BlizzCon zu schaffen, und ich hoffe, dass ihr uns anfeuern werdet. Wir sind vielleicht nicht die besten Gamer, aber wir werden bestimmt die unterhaltsamsten sein.“

Könnt ihr es euch vorstellen – dieses Lächeln?