VIVE LA LÚCIOBALL

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft diesen Sommer ist Kylian Mbappé für Frankreich auf Torjagd gegangen. Beim All-Star-Wochenende der Overwatch League konnte Gael „Poko“ Gouzerch im Lúcioball-Showdown die Atlantic Division mit Traumtoren zum Sieg führen.

„Frankreich hat dieses Jahr die Weltmeisterschaft gewonnen, also wollte auch ich für mein Land gewinnen“, erzählte Poko lachend. Im ersten Spiel hat er einen Hattrick und im dritten Spiel zwei Tore erzielt, darunter das entscheidende Tor in der Verlängerung.

Poko, der normalerweise als Flex-Tank für Philadelphia Fusion spielt, hat seine D.Va-Instinkte auch für die Verteidigung abgerufen, aber das gestaltete sich etwas schwieriger als erwartet. „Als Torhüter fehlte mir völlig der Durchblick“, gab er zu. „Die Bälle flogen links und rechts vorbei und ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Sollte ich mir den Ball schnappen und weglaufen oder im Tor bleiben?“

Für die Pacific Division zeigte der Neuzugang von Seoul Dynasty, der Tank-Spieler Chan-Hyung „Fissure“ Baek, unglaubliche Spielzüge. Er erzielte ganze sechs Tore, darunter ein Hattrick im letzten Spiel. Bei den meisten All-Stars-Events ging es zwar nicht allzu ernst zur Sache, aber sobald die Spiele losgingen, wurden die Spieler doch von einem gewissen Ehrgeiz gepackt.

„Anfangs stand der Spaß im Vordergrund und ich war völlig entspannt“, erklärt Fissure. „Irgendwann, besonders am Ende, brauchten wir noch ein letztes Tor. Also wurde ich etwas nervös, das war richtig aufregend.“

„Das ganze Spiel über war ich nervöser als in den Matches der Overwatch League“, ergänzt Poko. „Normalerweise bin ich entspannt, weil ich weiß, was mich erwartet. In Lúcioball hatte ich keine Ahnung, was passierte. Ich war sehr nervös, und gegen Ende hat mein Herz unglaublich schnell geschlagen.“

ÜBERRASCHUNGSMETA

Der Reiz von Überraschungshelden liegt in der Ungewissheit. Die zufällig zugewiesenen Helden sorgen unter Hobbyspielern von Overwatch für Hektik, doch wie finden sich die Profis in diesem Karussell zurecht?

Na, etwa so …

Oder so …

Und dann wäre da noch das hier …

Einige Spieler, wie Je-Hong „Ryujehong“ Ryu von Seoul Dynasty, sind dafür bekannt, viele verschiedene Helden zu spielen. Er führte seine Fertigkeiten mit Widowmaker, Mei und ganz besonders mit Tracer vor.

„Meine Leistungen sind so gut, weil ich alle Kills von meinem Team gestohlen habe“, erklärt er. „Ich glaube nicht, dass ich grundsätzlich ein derart guter DPS-Spieler bin.“

Bei so vielen Heldenwechseln wurden Erfolgsrezepte der Overwatch League wie Strategie und Teamzusammenstellung schnell in den Wind geschossen. Die Anweisungen im Team waren für Ryujehong und die Pacific Division auf das Wesentliche reduziert. „Wenn wir zum Beispiel einen Dive riskieren wollten, hat Bischu das übersetzt, aber insgesamt war die Stimmung sehr gut“, erzählt er.

Die Atlantic Division konnte in ihrem Kader keinen Übersetzer aufweisen, was Austin „Muma“ Wilmot von den Houston Outlaws als einzigem nicht-koreanischen Spieler im Team das Leben ein wenig schwerer gemacht hat.

„Ich habe jetzt viel mehr Respekt vor zwei- oder mehrsprachigen Teams“, erklärt er nach Ende der Matches. „Ich stelle mir das ziemlich schwierig vor und es war eine ziemlich schräge Erfahrung, zum ersten Mal selbst mit einer Sprachbarriere kämpfen zu müssen.“

Wie hat es sich also für ihn im Startbereich angefühlt? „Bevor wir sahen, welche Helden wir zugelost bekamen, haben sie nur auf Koreanisch geplaudert und darüber Witze gemacht, welche Helden sie wollten und welchen Weg wir einschlagen würden. Sobald sich die Tore öffneten, hörte ich ‚links‘ oder ‚rechts‘. Und ich dachte nur, ‚okay‘! Das hat Spaß gemacht.“

Die meisten Profis sind geschickt genug, sich von den unzähligen, nach jedem Tod neu zugewiesenen Helden nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Und manchmal hilft auch trotz Kommunikationsschwierigkeiten das Glück etwas nach, wie Muma festgestellt hat, als er und Jun-Ho „Fury“ Kim beide Brigitte zugelost bekamen.

„Wir haben ewig Rücken an Rücken gestanden, unsere Schilde hochgehalten und uns gegenseitig mit Reparatursets versorgt“, erzählt er lachend. „Als wir beide Brigitte spielen konnten, haben wir unsere Gegner zwei ganze Karten lang völlig überrannt.“

PUNKTE FÜR STIL

In den Matches am Samstag hat es an Stil nicht gemangelt, etwa in Form von blitzschnellen Schüssen von Widowmaker, Schubsern von Lúcio oder diesen schicken All-Stars-Teamtrikots. Einige Spieler sind mit neuen Brillen, Schuhen oder Accessoires aufgetaucht, und Nam-Ju „Striker“ Gwon hat sich anscheinend die Haare passend zur Atlantic Division türkis gefärbt.

Aber niemand hat mehr Aufmerksamkeit von den Fans auf Twitch und Twitter auf sich gezogen als Ryujehong, dessen Haarpracht gleichzeitig mit seinem Aufstieg zum ersten Platz auf dem koreanischen Server auf Schulterlänge angewachsen ist. Hatte er wegen des Spiels keine Zeit für einen Friseurbesuch oder haben wir es mit einem neuen Modetrend zu tun?

„Mein Ziel ist es, mir die Haare richtig lang wachsen zu lassen“, bestätigt Ryujehong. „Ich habe keine Ahnung, was ich mit ihnen machen werde, aber das ist jedenfalls mein Plan. Jetzt in der Übergangsphase sieht es etwas komisch aus, aber ich will mit meiner Frisur diesen Punkt erreichen.“

Sein Teamkollege bei Dynasty, Byung-Sun „Fleta“ Kim, merkt dazu an: „Ehrlich gesagt hat Jehong schon immer extreme Änderungen an seinen Haaren gemacht. Ob wirklich kurz oder richtig lang, mir ist es schon egal. Anfangs habe ich mich kaum damit beschäftigt, aber irgendwann sagten die Fans, dass seine Frisur wie die einer Tante oder Großmutter aussieht. Ich verstehe, was sie damit gemeint haben.“

ROLLENTAUSCH

Spieler sind Spieler und Shoutcaster sind Shoutcaster, aber für ein Match wurden diese Rollen auf den Kopf gestellt: Verkehrte Welt. Zwei aus Shoutcastern, Analysten und anderen Moderatoren bestehende Teams traten gegeneinander an, und zwei Spieler – Unterstützer Scott „Custa“ Kennedy von LA Valiant und Tank Aaron „Bischu“ Kim von den LA Gladiators – kommentierten die Action.

Die von Chris Puckett angeführten Moderatoren der Pacific Division zeigten auf King's Row und Watchpoint: Gibraltar einige beeindruckende Spielzüge. Auf King's Row hat Puckett selbst mit Doomfist seiner Zerstörungswut freien Lauf gelassen, während Jonathan „Reinforce“ Larsson mit Wrecking Ball zeigen konnte, dass sein Geschick als Tank nicht zu verachten ist. Zwar wurde Soe Gschwind-Penski zum MVP erklärt, aber ein Shoutcaster hat sogar die Profis beeindruckt – Auguste „Semmler“ Massonnat.

„Semmler hat sein Team in der Verteidigung auf Gibraltar zum Sieg getragen – er hat sie allesamt drei- oder viermal in Kämpfen gerettet“, so Custa.

„Ja, ich habe gesehen, aus welcher Richtung er kam und wusste sofort, dass etwas Spannendes kommen würde“, ergänzt Bischu händereibend. „Ich kann gar nicht viel über seine Leistungen sagen – das Kommentieren ist hektischer als man glaubt. Er hat ziemlich gut gespielt, letztendlich zählen nur die Bomben.“

Semmlers einziger Kommentar: „Ich habe Poko alles beigebracht, was er weiß.“

Custa und Bischu versuchten sich zum ersten Mal als Shoutcaster, und Bischu hat uns berichtet, dass es viel schwieriger als erwartet war, sich zurechtzufinden. „Gestern Nacht dachte ich nur: ‚Okay, ich habe keine Ahnung davon, aber ich werde mir ein paar knackige, schlaue Sprüche merken und sie dann loslassen.’ Als ich dann am Tisch saß, hatte ich alles vergessen. Ich wünschte, ich hätte diese Dinge sagen können, aber es hat trotzdem Spaß gemacht.“

Einige Shoutcaster gaben zu, ebenfalls nervös gewesen zu sein, als sie zum ersten Mal als Spieler die Bühne betraten. Aber als das Spiel losging, konnten sie die ausgelassene Atmosphäre des All-Star-Wochenendes genießen.

„Als Shoutcaster gibt es nichts Besseres, als Teil des Publikums zu sein, und von der Energie der Fans mitgerissen zu werden“, so Semmler. „Man wird richtig angetrieben und bekommt dasselbe Gefühl, wenn man vor ihren Augen das Spiel spielen kann. Da ist man nicht nervös oder gestresst. Man hat ganz einfach mit allen anderen einen Riesenspaß.“

SCHARFSCHÜTZENWETTBEWERB

Bei den benutzerdefinierten Spielmodi liegt die Würze in der Kürze, aber das Event, das am Samstag die meiste Aufmerksamkeit auf sich gezogen – und Zeit in Anspruch genommen – hat, war 1v1 mit Widowmaker. Während der Saison wurden in der Overwatch League täglich Köpfe geklickt, und hier konnten sich einige der besten DPS-Spieler der Liga duellieren und gleichzeitig den Fans eine Riesenshow bieten.

Schon früh wich das Lächeln auf den Gesichtern der Spieler einem Ausdruck purer Konzentration, als die Spannung den Raum erfüllte. Das Eröffnungsmatch zwischen Jae-Hyeok „Carpe“ Lee von Philadelphia Fusion und Jung-Woo „Sayaplayer“ Ha von Florida Mayhem stand auf Messers Schneide, und Carpe konnte sich schließlich mit 7:6 durchsetzen. Die Partie zwischen Striker und Do-Hyeon „Pine“ Kim von New York Excelsior endete mit demselben Ergebnis, nachdem die Spieler einige beeindruckende Ausweichmanöver vollführt hatten.

Beide Viertelfinalspiele der Atlantic Division waren hart umkämpft und haben hohe Maßstäbe für das Event gesetzt, die von ebenso spannenden Matches der Pacific Division voll erfüllt wurden. Obwohl das geistige Kräftemessen zwischen den Kontrahenten mehr als packend war, erzählt der spätere Sieger – Lane „Surefour“ Roberts von den LA Gladiators –, dass er das Event ziemlich gelassen angegangen ist.

„Ich war ziemlich entspannt“, berichtet er. „Ich war nicht nervös oder allzu siegessicher oder besonders ehrgeizig. Ich schätze, dass mein Körper ziemlich nervös war, weil mein Herz gelegentlich ziemlich schnell geschlagen hat, aber das ist bestimmt allen Spielern so gegangen.“

Abgesehen von den Psychospielchen waren die Widowmaker-Duelle am Samstag etwas ganz Besonderes, weil es um den Stolz der Spieler ging.

„Beim 1v1 mit Widowmaker kommt es darauf an, wer besser zielt oder den anderen Spieler überlistet“, so Surefour. „In echten Spielen gibt es das kaum, weil so viel passiert, das einen davon abhält.“

Surefour konnte sein Geschick unter Beweis stellen, als er in seinem Eröffnungsmatch Fleta ausschaltete. Das gab ihm Selbstvertrauen für die nächste Runde gegen Terence „SoOn“ Tarlier, der zuvor Min-Ho „Architect“ Park von San Francisco Shock besiegt hatte.

Der darauffolgende Kampf um LA im Kleinformat war für Surefour das härteste Match von allen und er versuchte, „ungemein aggressiv zu spielen und zu sehen, ob das klappt.“ Die Zuversicht aus diesem wichtigen Sieg konnte er ins Titelmatch gegen Carpe mitbringen, der sich im Halbfinale der Atlantic Division gegen Striker durchgesetzt hatte.

Der letzte Showdown fand auf dem eisigen Schlachtfeld von Ecopoint: Antarktis statt, wo sich Surefour – dem in diesem Turnier nur Außenseiterchancen zugestanden wurden – der Lage gewachsen zeigte und sich gegen einen der gefürchtetsten Scharfschützen der Liga beweisen konnte.

Seid um 20:00 Uhr MESZ beim All-Star Game dabei, das live über Twitch, OverwatchLeague.com, die offizielle App der Overwatch League sowie MLG.com und die MLG-App übertragen wird. Das Match wird außerdem live auf ESPN3 und Disney XD übertragen.