Lane „Surefour“ Roberts und ich schlendern durch den Backstage-Bereich der Blizzard Arena Los Angeles. Er trägt das Trikot des kanadischen Teams und hat gerade einen Fototermin für die Übertragung des Overwatch World Cups hinter sich.

„Wir könnten uns nach draußen setzen“, sage ich, während wir unter dem gigantischen Wandbild von Jay Leno hindurchgehen. „Sitzt du gern in der Sonne?“

„Zu Hause sind meine Rollläden immer unten“, antwortet mir Surefour. Er spricht wie immer – leise und mit ruhiger Stimme.

Beim Laufen erkläre ich ihm Sinn und Zweck der „Weg zum World Cup“-Reihe. Fans sollen ihn besser kennen lernen: Wer war Surefour, bevor er den Los Angeles Gladiators und der Overwatch League beitrat? Daraufhin meint er recht trocken, dass er unter anderem aus den „Tiefen der Hölle“ stammt.

„Aus den Tiefen der Hölle?“, frage ich, während wir uns draußen an einen Tisch setzen (natürlich im Schatten).

„Ja“, antwortet Surefour, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Und wie war das so?“

„War jetzt nicht wirklich etwas Besonderes“, sagt er, bevor er kurz innehält. „Ich komme nicht wirklich aus der Hölle“, gibt er schließlich zu. „Ich hatte eine sehr behütete Kindheit.“

„Tatsächlich?“

„Ja. Es gab keine wirklichen Konflikte, mit denen ich mich hätte auseinandersetzen müssen.“

„Hast du das Gefühl, dass du dadurch nicht wirklich auf das Leben vorbereitet wurdest? Auf die harte Realität?“

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Der Weg zum World Cup

Taimou | Saebyeolbe

„Probleme lassen einen schneller erwachsen werden, also bin ich wohl langsamer erwachsen geworden“, meint Surefour und hebt am Ende des Satzes seine Stimme, als würde er mir eine Frage stellen.

Ich muss lachen, deswegen erklärt er: „Also, es ist komisch. Ich bin schon seit Ewigkeiten im Internet unterwegs und dadurch sehr weltoffen aufgewachsen. Aber was meine Sozialisierung im echten Leben betrifft, da bin ich hinterhergehinkt.“

Falls ein Spiel, das erst seit knapp über zwei Jahren auf dem Markt ist, bereits Veteranen haben kann, dann gehört Surefour mit Sicherheit dazu. Nachdem er vor der Veröffentlichung von Overwatch verschiedene andere Spiele gespielt hatte, stieß er während der zweiten geschlossenen Beta dazu. Ein Freund sagte ihm damals, Overwatch wäre der nächste große Hit im Esports. Das motivierte ihn und wie schon bei früheren Spielen fand sich Surefour schnell unter den besten Spielern der Welt wieder. Es war größtenteils die Meinung anderer, die ihn von seinen eigenen Fähigkeiten überzeugte. Aber weil er so viele Esports-Übertragungen mitverfolgte, war er sich immer sicher, Spieler besiegen zu können, die er eigentlich als stärker einschätzte.

Als sich langsam professionelle Overwatch-Teams bildeten, unternahm Surefour seine ersten Schritte in die Welt der Profi-Gamer. Er startete seine Karriere mit dem Team Google Me, dessen Name damals in aller Munde war. Der Hype war so groß, dass Cloud9 den gesamten Kader unter Vertrag nahm – einen Kader, dem unter anderem Kyle „KyKy“ Souder, der ehemalige Trainer der Overwatch League, und Adam „Adam“ Eckel von XL2 Academy angehörten.

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Ein perfekter First Pitch

Während eines besonderen Events im Dodger Stadium trafen sich die All-Stars der Overwatch League mit ihren Fans und Surefour warf einen denkwürdigen First Pitch, den ersten Wurf eines Baseballspiels.

„Da war ich zum ersten Mal richtig beliebt“, erinnert sich Surefour. „Es war toll, aber als wir anfingen zu verlieren, machte mir mein Ego zu schaffen. Mittlerweile habe ich mich deutlich besser unter Kontrolle.“

Als die ersten Spieler für die Eröffnungssaison der Overwatch League ausgewählt wurden, stand Surefour noch immer bei Cloud9 unter Vertrag. Die Lage war angespannt. Am Ende reichten jedoch sein spielerischer Werdegang und seine Persönlichkeit aus und er wurde von den Los Angeles Gladiators unter Vertrag genommen.

Der Overwatch World Cup, bei dem Surefour das dritte Jahr in Folge für Kanada antritt, ist mit keiner Erfahrung, die er bisher als Profi-Gamer machen konnte, zu vergleichen. „Es geht nicht ums Geld, sondern eher um Ruhm und Nationalstolz und so“, sagt er. „Viele Leute nehmen das Ganze zwar ernst, aber es ist eher ein ‚Wir-wollen-Spaß-haben‘-Ernst. Selbst, wenn die Trainingsmatches schlecht laufen, hat man die meiste Zeit über Spaß, kann mit seinen Landsleuten abhängen und gemeinsam zocken.“

Surefour hat bereits einen langen Weg hinter sich, doch seine Reise ist noch lange nicht vorbei. Auf die Frage, ob er in seiner Overwatch-Karriere etwas über sich selbst gelernt hätte, antwortet er, dass er gelernt hat, manche Dinge nicht mehr so ernst zu nehmen. „Achte darauf, dass du immer Spaß hast. Nimm nicht jede Kritik für bare Münze und sei dir im Klaren darüber, dass es im Internet nur so vor Deppen wimmelt.“

Trotz seines Erfolgs findet Surefour, er sei ganz normal.

„Ich bin bloß ein Nerd“, meint er achselzuckend. „Ich kann nicht gut mit anderen Menschen sprechen … bin nicht sehr sozial veranlagt.“

Ein Blick auf seinen Twitter-Account lässt allerdings das Gegenteil vermuten. Hier postet er Zen-artige Grübeleien und Beobachtungen über das Leben. „Mir gehen einfach alle möglichen Gedanken durch den Kopf“, sagt Surefour. „Meistens behalte ich sie für mich, aber ich habe halt Twitter und ich schätze, dafür ist Twitter eben da. Also poste ich sie da. Wofür sollte ich Twitter denn sonst benutzen?“

Kanada erreichte im letzten Overwatch World Cup den zweiten Platz hinter Südkorea und wird dieses Jahr als Favorit der Gruppenphase in Los Angeles und vielleicht sogar des World Cups gehandelt. Der kanadische Kader strotzt nur so vor Spitzenspielern der Overwatch League und der Contenders, mit Surefour als einem der Ausnahmetalente. Zu Beginn des Wettkampfs hat er nur eine Nachricht an seine kanadischen Fans.

„Wir sind die Besten“, sagt er mit einem Grinsen.

Schaltet am Freitag, den 7. September um 19:00 Uhr MESZ ein, wenn Team Kanada die Gruppenphase des Overwatch World Cups 2018 in Los Angeles mit ihrem Match gegen Österreich eröffnen. Folgt Team Kanada auf Twitter und verpasst keines von Surefours Abenteuern auf Twitter und Twitch.