Alle, die bereits eine koreanische Übertragung der Overwatch League, der Overwatch Contenders oder des Overwatch World Cups gesehen haben, kennen die Stimme von Ji-Soo „AKaros“ Jang. Ihre Analysen, bei denen sie allen anderen immer zwei bis drei Schritte voraus zu sein scheint, und ihre ruhige und melodische Art, den Ablauf eines Spiels zu kommentieren, haben ihr eine Fangemeinde eingebracht, die auch ihre privaten Streams verfolgt.

Bevor der Vorläufer der Contenders Korea – die APEX – 2016 ins Leben gerufen wurde, hat sich AKaros in Wettkämpfen wie dem Nexus Cup als Spielerin für UW Artison (später EHOME Artisan) einen Namen gemacht und wurde vor allem für ihre Spielzüge als Genji bekannt, weshalb sie den Spitznamen „Genjisoo“ erhielt. Heutzutage kennen Fans sie zwar als Shoutcaster und Analystin, doch wäre AKaros keine Profispielerin gewesen, hätte sie wohl nie damit angefangen.

Zum Beispiel schaut sie VODs mit 1,5- bis 2-facher Geschwindigkeit. Für normale Overwatch-Zuschauer scheint das ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, da der Matchablauf und der Killfeed auch so schon die Aufmerksamkeit strapazieren. AKaros aber kann dank ihrer Erfahrung als Profispielerin diese Informationsflut problemlos verarbeiten.

„Ich weiß, was sie in bestimmten Momenten machen werden und nach welchen Spielzügen ich bei doppelter Geschwindigkeit Ausschau halten muss“, erklärt sie. „Vieles davon habe ich in meiner Profikarriere gelernt.“

Die Analysen von AKaros sind unter anderem deshalb so interessant, weil sie immer den gesamten Ablauf eines Matches kurz und bündig zusammenfassen kann – was lief gut? Was lief schlecht? Außerdem kommentiert sie, was die Spieler vermutlich gerade denken oder als nächstes vorhaben. Sie sieht die Momente, in denen sich Spieler nicht zwischen mehreren Optionen entscheiden können oder auf den richtigen Zeitpunkt warten, um einen Teamkampf zu starten.

„Für mich ist es kinderleicht zu erkennen, wenn Spieler nach einer guten Gelegenheit suchen, um ihre ultimative Fähigkeit einzusetzen“, sagt sie. „Manchmal werden Spieler offensichtlich nervös, z. B. wenn ein Genji seine Drachenklinge aufgeladen hat, aber noch zögert, weil er auf einen Nanoboost wartet. Solche Sachen. Wenn sich in der APEX während eines Reinhardt-Duells einer der Reinhardts plötzlich zurückzog und scheinbar ohne Grund um eine Ecke bog, wusste man, dass er den anderen Reinhardt in eine Falle locken wollte.“

Wie wir in den jüngsten Profimatches und dem Overwatch World Cup sehen konnten, feiert Reinhardt gerade sein Comeback als Mittelpunkt in der Zusammenstellung mit drei Tanks und drei Unterstützern, die die aktuelle Meta dominiert. Dieses Mal haben die Reinhardt-Spielzüge allerdings eine andere Qualität als noch Ende 2016 und Anfang 2017.

„In der Vergangenheit versuchten Reinhardt-Spieler, den perfekten Moment für ihren Erdstoß abzuwarten. Heutzutage, in der Doppel-Dreier-Meta, spielt man allerdings in einer Teamzusammenstellung, in der die Unterstützer weniger anfällig sind und sich alle weniger Sorgen um eine gegnerische Widowmaker machen müssen“, erklärt AKaros. „So kann sich Reinhardt mehr auf seine Unterstützer verlassen, während er seinen Hammer schwingt. Außerdem gibt es jetzt die Combo Schildstoß und Erdstoß mit Brigitte, durch den ein Team seinen eigenen, perfekten Moment für Erdstoß schaffen kann. Dadurch sind Reinhardt-Spieler deutlich aggressiver geworden.“

Wie wir bereits während des Overwatch World Cups auf der BlizzCon sehen konnten, ist die Doppel-Dreier-Zusammenstellung in den Händen eines eingespielten Teams wie dem Vereinigten Königreich wirklich furchteinflößend.

„Allerdings kann man in dieser Zusammenstellung nicht mehr mit nur einem fantastischen Spielzug gewinnen“, so AKaros. „Es sind die Combos, die diese Teamzusammenstellung ausmachen. Sobald man in den Fokus des Gegners rückt, muss man irgendwie versuchen am Leben zu bleiben und gleichzeitig die eigenen Unterstützer beschützen. Weil die Charaktere nicht mehr so anfällig sind wie früher, scheinen Kämpfe zwischen Teams, die beide eine Doppel-Dreier-Zusammenstellung spielen, länger anzuhalten.“

Trotz ihrer analytischen Fähigkeiten liegen AKaros’ Vorhersagen zu Matchausgängen oft total daneben. So erhielt sie sogar einen neuen Spitznamen, „Jang Pelé“, nach der brasilianischen Fußballlegende Pelé, der ebenfalls für seine falschen Vorhersagen berühmt ist. Kyu-Hyung „YongBongTang“ Hwang, ein weiterer koreanischer Kommentator und der General Manager für Südkorea im Overwatch World Cup, witzelte gar, dass der größte „unbekannte Faktor“ für das koreanische Team die Vorhersagen von AKaros seien – welche stellenweise derart falsch lagen, dass der Mythos von „AKaros’ Fluch“ es sogar in die Overwatch League geschafft hat.

„Brecht AKaros’ Fluch!“

Dank den wohlgemeinten Witzeleien ihres Shoutcaster-Kollegen Park-Sang Hyun wurde der Fluch ein von Fans gefeierter Running Gag. AKaros selbst stellte allerdings klar, dass die meisten ihrer Vorhersagen nicht unbedingt ernst gemeint sind.

„Viele meiner Vorhersagen sind falsch, weil ich keine Trainingsmatches anschaue“, erklärt sie. „Ich spreche nicht privat mit den Trainern oder Spielern und schaue keine Trainingsmatches, deswegen basieren meine Vorhersagen nur auf ihren Leistungen aus vergangenen Profispielen, dem Ausgang vorheriger Begegnungen mit demselben Team und so weiter. Falls ein Team mit irgendeiner besonderen Strategie aufwartet oder sich die Leistung eines Spielers in den vergangenen Trainingsmatches stark verbessert hat, dann weiß ich davon nichts.“

Außerdem gab sie zu, dass ihre Instinkte nicht besonders gut sind, wenn es um Vorhersagen geht. „Wenn zwei Teams eigentlich gleich gut sind, dann muss man auf seinen Bauch hören. Ich habe gelernt, dass mein Bauchgefühl fast immer falsch ist.“

Während der Eröffnungssaison der Overwatch League konnte AKaros die Entwicklung von Teams beobachten, zusehen, wie sich Kader stabilisierten und sich Metas veränderten. Teams, die anfangs noch schwerfällig und unkoordiniert wirkten, verbesserten sich und ihr Interesse wechselte im Verlauf der vier Phasen immer wieder zwischen den Teams hin und her. Da die Platzierung der Teams in der Overwatch League häufig starken Fluktuationen unterliegt, sagt AKaros, dass sie am meisten Spaß am plötzlichen Aufstieg oder Sturz eines Teams hatte, je nachdem, wie gut es sich an die Meta anpassen oder sein Teamwork verbessern konnte.

„Am meisten hat es mir Spaß gemacht, bei Teams wie Dallas Fuel zuzuschauen, die dank Brigitte plötzlich durchstarten konnten“, sagt sie. „Ich bin normalerweise ein Fan von Außenseiterteams oder solchen, die noch am Anfang stehen. Das mit San Francisco Shock war echt schade, denn sie hatten zwar einen guten Lauf, aber kamen am Ende ins Schleudern. Die Los Angeles Gladiators haben auch eine ziemliche Entwicklung hinter sich, aber konnten einfach keinen Phasensieg davontragen oder ein Spiel in den Playoffs gewinnen. Und die Shanghai Dragons und Florida Mayhem hätten eigentlich das ein oder andere Match durchaus gewinnen können, wäre ihnen am Ende bloß nicht die Puste ausgegangen.“

Ihre Lieblingsspieler sind solche, die immer positiv blieben, wie Joona „Fragi“ Laine, der Haupt-Tank für Philadelphia Fusion, oder der Flex-Tank für Dallas Fuel, Pongphop „Mickie“ Rattanasangchod. „Wenn es aber um die Leistung im Spiel geht, dann hat mich Space, der Flex-Tank für LA Valiant, wirklich beeindruckt. Seine Spielzüge als D.Va waren einfach unglaublich. Immer, wenn die gegnerische Mercy jemanden wiederbeleben wollte, ist er zu ihr hinübergeflogen und hat die Wiederauferstehung unterbrochen.“

Mit der Saison 2019 kommen acht neue Teams und einiges an frischem Talent in die Overwatch League. Vor kurzem erklärte AKaros in einem Reddit AMA mit YongBongTang, sie würde sich am meisten auf den neuesten Spieler für NYXL, Yeon-Kwan „Nenne“ Jeong, freuen, dessen Karriere sie bereits seit seinem Debüt in den APEX Challengers verfolgt. Außerdem freue sie sich auf ehemalige Spieler von Kongdoo Panthera und Element Mystic, die von verschiedensten Teams der Overwatch League unter Vertrag genommen wurden.

Ihr wisst sowieso schon Bescheid.

Heißt mit uns @Nenne_chu als neuestes Mitglied von NYXL willkommen #EverUpward pic.twitter.com/olqqxXaMO7

– NYXL (@NYXL) 8. November 2018

„Der Grund, weshalb ich gesagt habe, dass ich Nenne gern in der Overwatch League sehen würde, war schlicht und ergreifend, weil ich ihn in der Overwatch League spielen sehen möchte“, erklärt sie. „Er hatte ein fantastisches Debüt in den APEX Challengers und obwohl er damals noch nicht besonders lange Tracer gespielt hatte, waren seine Spielzüge richtig gut. Aufgrund von Problemen mit seinem Visa verpasste er ein paar Chancen, deswegen möchte ich ihn in der Overwatch League sehen, auch wenn ich weiß, dass es für ihn mit Tracer als Lieblingsheldin nicht leicht sein wird.“

Als wir das Interview geführt haben, hatten einige der neuen Teams noch keinen vollständigen Kader und AKaros zögerte zunächst, was Vorhersagen anging. Am Ende entschied sie sich aber wie so oft, es einfach zu versuchen.

„Also, zunächst einmal würde ich Vancouver zu den ‚guten‘ Teams zählen“, so AKaros. „Hangzhou wird auch ziemlich gut sein – das Team besteht aus ehemaligen Spielern von X6 Gaming, Team Seven und den guten Spielern von Team China, die im Overwatch World Cup gespielt haben. Shanghai wird sicher besser spielen als vergangene Saison, deswegen gehören sie für mich auch zu den guten Teams.“

Neben neuen Spielern und Teams in der Overwatch League und den Contenders Korea hat AKaros auch andere Contenders-Regionen im Blick.

„Ich arbeite parallel als Shoutcaster für die Contenders Pacific, deswegen schaue ich auch deren Spiele an“, erklärt sie. „In der vergangenen Saison bestand fast die Hälfte aller Teams aus komplett oder zumindest teilweise koreanischen Kadern. Natürlich waren das starke Teams, aber wir sehen jetzt mehr japanische und thailändische Kader, und ich habe den Eindruck, dass das Niveau allgemein steigt. Und natürlich hat auch China eine sehr gute Leistung im Overwatch World Cup abgeliefert. Koreanische Overwatch-Fans beobachten die chinesische Szene schon eine ganze Weile, eigentlich seit dem Nexus Cup. Damals haben chinesische Teams immer gegen koreanische verloren, aber wenn man sich die übrigen Contenders-Regionen anschaut, denke ich, dass auch andere Länder den Herausforderungen mehr und mehr gewachsen sind.“

Obwohl Fans hoffen, dass AKaros noch lange Zeit als Overwatch-Shoutcaster arbeitet, sagte sie in ihrem Reddit AMA, dass sie das Spielen als Profi vermissen würde: „Wenn sich mir die Gelegenheit bietet, würde ich sie vielleicht ergreifen“ – eine Antwort, die zeigt, dass sie mit dem Gedanken noch nicht ganz abgeschlossen hat. AKaros hat sich tatsächlich nie formal zur Ruhe gesetzt, sondern musste wegen einer Schulterverletzung eine Pause einlegen. Während dieser Pause verdiente sie ihren Lebensunterhalt über ihren persönlichen Stream, bis ihr von OGN eine Stelle als Gast-Shoutcaster und Analystin angeboten wurde. Dieser Moment markierte den Start ihrer Shoutcaster-Karriere, obwohl sich AKaros noch manchmal in Ranglistenmatches tummelt und sogar einem Team beitrat, mit dem sie ein paar Trainingsmatches absolvierte.

„Wenn ich ehrlich bin, ist es vermutlich zu spät, um meine Profikarriere wieder aufzunehmen“, erklärt sie mit ein wenig Bedauern in der Stimme. „Außerdem ist es zu schwer, gleichzeitig als Shoutcaster zu arbeiten und Overwatch zu spielen. Ich habe schon länger nicht mehr trainiert und werde auch in Zukunft keine Zeit haben, deswegen ist es schwer, wieder als Profispielerin aktiv zu werden.“ Doch egal, welchen Weg AKaros in Zukunft auch gehen wird, Fans hoffen, dass sie weiterhin die sich ständig verändernde Welt des professionellen Overwatch kommentiert.

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