Die Freude nach einem Sieg kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. Mancher macht einen Vorwärtssalto wie einer der Spieler von San Francisco Shock, bevor er den – endlich – besiegten Vancouver Titans die Hand reicht. Andere vergießen Freudentränen wie Cheftrainer Da-Hee „Crusty“ Park, der bereits Sekunden nach dem Sieg seines Teams die Runde machte und alle stürmisch umarmte. Flex-Tank Hyo-Bin „ChoiHyoBin“ Choi verlor dagegen im ersten Moment des Feierns fast seine Brille und musste aus dem Pulk seiner Mitspieler flüchten, damit sie im freudigen Chaos nicht zertrampelt wurde. Und der Spieler des Matches, Min-Ki „Viol2t“ Park, stolperte nach dem Gruppenbild über seinen Haupttank Matthew „super“ DeLisi, bevor die beiden frisch gebackenen Meister erst einmal lachend eine unfreiwillige Pause auf dem Boden einlegten.

Letzten Sonntag war es endlich so weit. San Francisco Shock feierten in der Blizzard Arena Los Angeles mit ihrem 4:2-Sieg über die amtierenden Phasenmeister den krönenden Abschluss einer unglaublichen, rekordverdächtigen Phase, wie wir sie uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorgestellt hätten. Innerhalb von sechs Wochen verwandelten sie ihre vernichtende Niederlage im Finale von Phase 1 in eine makellose Siegesserie über 28 Karten, einschließlich einer eindrucksvollen Darbietung ihres Könnens in den Playoffs. Bittere Niederlagen können oft zu Höchstleistungen anspornen, und in diesem Fall beflügelten sie die talentierten jungen Spieler von San Francisco zu ihrem triumphalen Sieg.

Die jüngste Geschichte zwischen diesen beiden Teams machte das Match dabei umso bedeutsamer. Am Sonntag fanden sich Shock nach der fünften Karte in einer erschreckend ähnlichen Situation wieder, wie noch im Finale von Phase 1. Es stand 3:2 gegen die Titans, die umso stärker zu werden schienen, je mehr man sie unter Druck setzte.

Aber diesmal wussten San Francisco Shock, was sie zu erwarten hatten.

„Letztes Mal haben wir den Fuß vom Gas genommen und nicht getan, was getan werden musste“, erzählt super. „Aber dieses Mal habe ich während der gesamten fünften Karte ständig das Gleiche gesagt: ‚Bleibt dran! Macht nicht den gleichen Fehler wie beim letzten Mal!‘“

Und das haben sie nicht. Shock beendeten das Match eindrucksvoll auf der sechsten Karte, Blizzard World, und nutzten ihre entscheidenden Spielzüge, um nicht die Kontrolle über das Spielmomentum zu verlieren. Sie spielten nicht perfekt und setzten auch die ein oder andere ultimative Fähigkeit in den Sand. Trotzdem vertrauten sie einander, überlebten und absolvierten einen Teamkampf nach dem anderen, um die Titans an die Grenze ihrer Belastbarkeit und schließlich darüber hinaus zu bringen.

Was für ein TIMING von @super_OW. #OWL2019. Wer hier nicht zuschaut, ist selbst schuld. Dieses Match ist der WAHNSINN!

Den Vancouver Titans fehlte es an ihrem sonst so unerschütterlichen Selbstvertrauen. Vielleicht lag es an San Franciscos neu gefundener Reife, vielleicht hatten sie auch einfach nur einen schlechten Tag. Jedenfalls wirkten die Titans stellenweise zögerlich, besonders in den Teamkämpfen. Ihre Unfähigkeit, aus Min-Soo „SeoMinSoo“ Seos Gravitonbomben oder Sang-Beom „Bumper“ Parks Erdstößen Kapital zu schlagen, sah ihnen und ihrer sonst so skrupellosen Spielweise überhaupt nicht ähnlich.

Für Shock war es bereits ein großer mentaler Sieg, dass sie die Titans ein Stück weit von ihrem eigentlichen Spielplan abbringen konnten. „Sie haben uns gesagt, dass sie ein bisschen Angst vor uns hätten. Wir wussten, wir schaffen das, wenn wir einfach nur am Ball bleiben“, erzählt super.

„Wir haben viele untypische Fehler gemacht“, räumt Seong-Jun „SLIME“ Kim, der Unterstützer der Titans, nach dem Match ein. „Wir konnten unsere Pläne nicht umsetzen.“ Mit dieser Niederlage fand ihre eigene phänomenale Siegesserie ein jähes Ende, die bereits am 21. Juli 2018 begonnen hatte, als noch ein Großteil des Kaders beim koreanischen Team RunAway spielte.

Angesichts dieser einzigartigen Ära der Dominanz, die zwei Topligen und zwei unterschiedliche Organisationen überdauert und jetzt ihr Ende gefunden hat, bringt Bumper bloß heraus: „Ich bin froh, dass unsere Siegesserie so lange angehalten hat.“

Hier kommt BUMPER #ForceOfNature #OWL2019

Nur 12 Stunden vor Vancouvers verhängnisvollem Finale schied das aktuelle Team RunAway im Halbfinale der Contenders Korea – selbst die amtierenden Champions – überraschend gegen O2 Blast aus. An der Spitze von O2s Ansturm, und das meine ich wörtlich, stand RunAways ursprünglicher Tank-Gott, Sang-Hoon „Kaiser“ Ryu. Bumper war zwar nicht Kaisers direkter Nachfolger, erregte aber das größte Aufsehen. Er verfügt über ein ähnliches Selbstbewusstsein und das Ergebnis am Sonntag zeigte erneut, dass die Geschichte der Titans tiefgründiger ist als die fast jedes anderen Teams der Overwatch League.

Die Erinnerungen an Sonntag sind zwar noch frisch, aber eine neue, orangefarbene Zukunft ist angebrochen und strahlt wie die Morgensonne auf ein nebliges San Francisco herab. Jeder Spieler von San Francisco Shock hat dabei seine eigene Geschichte, denn der Kader besteht gleichermaßen aus Wunderkindern und Spätzündern, aus den begehrten und den ehemals ausgestoßenen Spielern der Liga. Zusammen sind sie eine wilde Gruppe, die es immer wieder schafft, das Publikum zu begeistern. Ihre Niederlage in Phase 1 war gerade deshalb so frustrierend, weil sie den Meistertitel fast schon in der Tasche hatten. Es war aber diese Erfahrung, die ihnen das Selbstvertrauen gab, um … naja, eben genau so zu spielen, wie wir es in Phase 2 erlebt haben.

„Letztes Mal waren wir ein bisschen besser als sie. Aber dieses Mal haben wir meiner Meinung nach deutlich besser gespielt“, meint DPS-Spieler Dong-Jun „Rascal“ Kim von San Francisco Shock.

Wir wurden schon früher Zeuge großartiger Rivalitäten in Overwatch – der ein oder andere Spieler von Vancouver weiß, wovon ich rede – und einige davon wurden auch in der Eröffnungssaison fortgeführt. Aber jetzt erleben wir die Geburtsstunde der ersten richtigen Rivalität der Overwatch League. Auf der einen Seite die Titans – alte Götter, die ohne zu Zögern die Welt verschlingen würden. Und auf der anderen Seite Shock, eine Urgewalt, die das bisherige Machtgefüge ins Wanken bringt. Das Halbfinale am vergangenen Samstag zwischen Vancouver und New York Excelsior – übrigens noch ein phänomenaler Kader – war heftig und auf seine eigene Art bedeutsam. Trotzdem fühlte es sich an, als hätte es bereits in der letzten Phase stattfinden müssen. Die Titans und Shock gehen in die Geschichte der Saison 2019 ein, eine Geschichte, in der sie – und nicht New York, London oder irgendein anderes Team – den Endboss darstellen.

Kein anderes Team hätte im Finale von Phase 2 stehen können. Kein anderes Team hätte Vancouver zum ersten Mal in die Schranken gewiesen.

„Wir fühlen uns nach unserem Sieg gerade deshalb wie das beste Team – einfach, weil die Titans selbst so lange an der Spitze standen“, meint der Unterstützer Grant „moth“ Espe. „Jeder möchte sie schlagen.“

Jetzt sind San Francisco Shock das Team, das es zu schlagen gilt. Andere Phasenmeister – einschließlich der Titans – wissen, dass es leichter ist, den Titel zu erringen, als ihn anschließend zu verteidigen. Dieser Herausforderung müssen sich Shock aber ein andermal stellen, nach den All-Stars und einer wohlverdienten Pause. Im Moment sind sie einfach zufrieden, das zweifellos beste Team der Overwatch League zu sein.

„Wir waren nie das beste Team, immer nur Zweiter, Dritter oder Vierter. Wir waren gut, aber Teams wie NYXL oder Vancouver waren in den Augen der Leute immer besser“, erzählt Crusty. „Damit ist heute Schluss.“

ICH, IHR, WIR HABEN’S GESCHAFFT. Danke an die Fans, an das Team und an die Spieler. Ich bin so stolz auf euch. Wir haben aus dem, was vor dieser Phase passiert ist, viel gelernt. Diesmal haben wir es geschafft. #RideTheWave #OWL2019

– Crusty (@ShockCrusty) 12. Mai 2019

Seid am 15. und 16. Mai bei den All-Stars 2019 der Overwatch League dabei. Phase 3 beginnt am Freitag, den 7. Juni um 01:00 Uhr MESZ mit dem Match San Francisco Shock (11:3) vs. Atlanta Reign (7:7). Alle Matches der Saison 2019 werden live über overwatchleague.com, die App der Overwatch League, unseren Twitch-Kanal, MLG.com und die MLG-App übertragen und können dort auch online abgerufen werden.