Not macht bekanntlich erfinderisch. Für die Teams der Overwatch League bedeutet das, sich mit jeder neuen Meta neu erfinden zu müssen. Im einen Moment scheint man noch jede Facette der eigenen Aufstellung in- und auswendig zu kennen, doch kaum versieht man sich, ist alles neu. Jedes Team ist daher ständig auf der Suche nach neuen Strategien.

Dieser Prozess kann selbst die besten Teams der Liga auf den Kopf stellen. NYXL sind noch immer von den Playoffs 2018 gezeichnet und manche Teams mussten erst tief fallen, bevor sie zu neuer Stärke zurückfinden konnten. Die Änderungen können relativ klein ausfallen, oder es handelt sich um einen tiefen Eingriff – eine OP am offenen Herzen. Fans bleiben ihren Teams selbstverständlich treu, aber für mich ist es immer wieder etwas Besonderes, wenn ein Team den Punkt erreicht, an dem es sich neu erfinden muss. Das ist diese Woche im ganz großen Stil geschehen.

1. Die Houston Outlaws haben irgendwann in der einmonatigen Pause zwischen den Phasen in den Spiegel geblickt und zu sich selbst gesagt: Das sind wir. Nach ihrem Beinahe-Sieg über NYXL in Woche 1 waren noch nicht alle vom Können der Outlaws überzeugt – alles Zufall, New York haben eine neue Strategie getestet und so weiter. Mit ihrem mutigen 3:2-Sieg über San Francisco Shock, den Meistern von Phase 2, haben die Outlaws im ersten Match von Woche 3 aber jegliche Zweifel aus dem Weg geräumt.

Houston haben Vieles aus ihrem Match gegen New York wiederholt – Fehler inklusive. Sie blieben Sombra treu und vertrauten auf Dante „Danteh“ Cruz und sein Geschick mit der Heldin. Sie haben gerne und oft auf DPS-Helden zurückgegriffen. Sie haben auf Mondkolonie Horizon ehrlich gesagt ziemlich danebengegriffen. Doch sie haben gerade so die Entscheidungskarte erzwungen.

Und dann kam die entscheidende Wende. Anstatt Danteh auszuwechseln, blieb er im Spiel. Sie ließen Jiri „LiNkzr“ Masalin Doomfist spielen und rundeten das Team mit Pharmercy ab, um Shock auf Ilios – Brunnen zu überraschen.

„Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Doomfist auf Ilios gespielt“, erzählt mir LiNkzr. „Es ist seltsam, neue Helden auf neuen Karten zu spielen. Wir wussten aber: Wenn sie die gleiche Aufstellung spielen wie wir, wird ihre Strategie insgesamt besser sein.“

Für LiNkzr und die restlichen Outlaws war es Zeit, ein Risiko einzugehen. Schließlich hatten sie das gesamte Jahr über noch keine Entscheidungskarte gewonnen – eine Schwäche, die dem Team bereits seit der letzten Saison nachhängt.

„In unseren Trainingsspielen hatten wir Probleme mit Eichenwalde und wurden dort auch in den Matches vernichtend geschlagen“, erinnert er sich. „Da hat Jake gesagt, und irgendwie wurde es uns allen gleichzeitig bewusst, dass diese Typen die 3-3-Meta einfach besser spielen als wir. Ihr Verständnis von der Aufstellung ist einfach riesig und für uns im Moment unerreichbar. Deswegen mussten wir ein Risiko eingehen. Ich würde das jetzt nicht als Cheese bezeichnen. Wir mussten einfach etwas ausprobieren, mit dem wir klarkamen. Das war ein wohlüberlegtes Risiko. Schließlich haben wir so die fünfte Karte gewonnen!“

2. Die Spieler der Outlaws verdienen eine Menge Anerkennung für ihr Vertrauen in ihre eigenen Wurzeln. Dass sie diesen Wechsel in derart entscheidenden Spielen bewerkstelligt haben, zeugt von ihrem Teamgeist.

„Wir haben so viele Informationen darüber, was die anderen Teams gerade machen. Deswegen können wir andere Strategien in unser Repertoire aufnehmen und müssen keine 3-3-Aufstellung spielen, auch wenn wir wissen, dass die Zusammenstellung stark ist“, erklärt mir LiNkzr. „Wir haben versucht, etwas mehr aus der Meta herauszuholen.“

Die Spieler haben eine Menge aus ihrer 0:7-Talfahrt in Phase 2 gelernt. Für LiNkzr bedeutete das, selbstloser zu spielen und dem Team zum Erfolg zu verhelfen, anstatt auf eigene Faust loszuziehen. Das Team machte sich außerdem verstärkt auf die Suche nach einer Spielweise, mit der alle Spieler zurechtkamen. Noch sind die Outlaws nicht am Ende ihrer Reise angelangt – auf manchen Karten werden sie noch immer vernichtend geschlagen, egal, welche Aufstellung sie spielen. Sie haben sich aber selbst vor den Phasenplayoffs nicht unter Druck setzen lassen und versuchen nicht, alles auf einmal auf die Reihe zu bekommen.

„Wir suchen nach einem Mittelweg“, so LiNkzr. „Ich glaube, wir könnten noch immer eine gute 3-3-Aufstellung spielen … Wir haben aber so vielseitige Spieler, dass wir mehr ausprobieren können.“

Houstons Neuerfindung wurde am nächsten Tag mit einem überzeugenden 4:0-Sieg gegen Boston Uprising fortgesetzt. LiNkzr war froh, wieder gewinnen zu können – das Team wurde endlich für seine Anstrengungen belohnt. „Wir haben uns viel Mühe gegeben. Es ist toll, die Früchte unserer harten Arbeit ernten zu können“, sagt er.

3. Laut unserem Statistiker Ben „CaptainPlanet“ Trautman ist der Einsatz von Sombra zwischen Woche 1 und 2 in der Liga von 24,8 % auf 30,7 % gestiegen. Scheint so, als würden mehr Teams die zerstörerische Kraft eines guten EMP in Teamkämpfen zu schätzen wissen.

Houston sind nicht das einzige Team, das in der aktuellen Meta Sombra spielt. Für die Outlaws scheint der erhöhte Einsatz aber (zumindest vorerst) mit einer dramatischen Verbesserung ihrer Matchbilanz einherzugehen.

Phase 1 Phase 2 Phase 3
League-Durchschnitt 18,6 % 21,7 % 27,5 %
Outlaws 44,9 % 25,6 % 66,2 %
NYXL 12,1 % 1,7 % 81,0 %
Charge 41,3 % 18,9 % 61,7 %
Fusion 5,9 % 10,5 % 27,0 %*
* Beinhaltet nicht das Match gegen Boston Uprising vom vergangenen Sonntag.

Zum Vergleich sind hier ein paar Teams, die Sombra in Phase 3 ebenfalls deutlich häufiger eingesetzt haben. Wie die Ergebnisse aber vermuten lassen, reicht es für funktionierende Sombra-Aufstellungen nicht, die Heldin lediglich dabei zu haben. Wie Houston haben auch Guangzhou einen Sombra-Spezialisten – Yiliang „Eileen“ Ou. Doch obwohl sie in häufig ins Spiel bringen, tut sich das Team schwer. Letzte Woche habe ich einen Artikel über Jong-Ryeol „Saebyeolbe“ Parks frühe Abenteuer mit Sombra geschrieben. Er hatte sie zuvor nie in Wettkämpfen gespielt und Fusion, die endlich zur Sombra-Aufstellung gefunden zu haben scheinen, brauchten etwas Zeit, um mit ihr warm zu werden.

4. CaptainPlanet hat mir eine Bestleistung aus Woche 1 nachgereicht: Im 3:1-Sieg der Shanghai Dragons über Valiant starb ihr Unterstützer Gyeong-Woo „CoMa“ Son nur zweimal während des gesamten Matches – ein neuer Ligarekord. Den bisherigen Rekord hielt Tae-Sung „Anamo“ Jung, der Unterstützer von NYXL, der in dieser Saison in zwei Matches nur dreimal gestorben ist. Die nächsten Plätze auf der Liste der wenigsten Tode werden von D.Va-Spielern belegt (das ergibt Sinn, da sie wieder in ihren Mech steigen können). Außerdem befindet sich genau ein DPS-Spieler in den Top 10 – Yeon-Gwan „Nenne“ Jeong von NYXL.

5. In ihren ersten beiden Matches von Phase 3 wirkten die amtierenden Phasenmeister vielleicht etwas träge, aber ein starkes Team zeichnet sich dadurch aus, jeglichen Leistungseinbrüchen sofort den Kampf anzusagen. Am Sonntag wandte sich Haupttank Matthew „super“ DeLisi nach dem überzeugenden 4:0-Sieg über Seoul Dynasty entsprechend ans Publikum: „Unsere Niederlage gegen Houston war das wahrscheinlich schlechteste Match, das wir als Team bisher auf der Bühne gespielt haben. Wir haben gesagt, dass wir unsere Fehler nicht wiederholen würden. Und das haben wir auch nicht.“

Obwohl die Träume von Seoul Dynasty im großen Stil geplatzt sind, bewiesen sie in der zweiten Hälfte auch den Willen, ihre Herangehensweise ändern zu können. Sie wechselten fünf ihrer sechs Startspieler aus und wichen auf DPS-lastigere Zusammenstellungen aus. Auch wenn das am Ende nicht ausreichte, war es doch sehr interessant zu sehen, wie sich der Trainerstab von Dynasty die Flexibilität seines Kaders zu Nutze machte. Das Team ist ein fantastischer Mix aus alten Veteranen, die auf der Bühne die Ruhe bewahren, und jungen Talenten, die ihre Mitspieler zu neuen Höchstleistungen antreiben. Ihr 3:1-Start in Phase 3 war kein Zufall.

6. Der „Bob! Bob! Bob!“-Schlachtruf im Match zwischen Chengdu und Dallas war einer meiner Lieblingsmomente der vergangenen Woche. Den habe ich bisher noch nicht gehört, denn Ashe wird einfach nicht besonders oft in der Liga gespielt. Nach der Show, die der DPS-Spieler der Hunters, Zhihao „YangXiaoLong“ Zhang, bei ihrer Verteidigung von Hollywood abgezogen hatte, waren diese Anfeuerungsrufe aber mehr als verdient. In diesem 3:1-Sieg gegen Dallas schien er allgemein zu Höchstleistungen animiert. Erinnert euch bloß an dieses McCree-Highlight auf Ilios – Brunnen:

Schritt 1: Zwingt die Gegner mit Revolverheld, dieselbe Deckung zu benutzen.
Schritt 2: Betäubt ALLE mit Blendgranate.
Schritt 3: ???
Schritt 4: Nehmt den Zielpunkt ein.

Die @ChengduHunters sind auf Ilios außer Rand und Band! #OWL2019 pic.twitter.com/9SqxIVoSdT

– Overwatch League (@overwatchleague) 14. Juni 2019

Es war aber nicht bloß ein Spieler der Hunters – der Höhenflug hatte gleich das ganze Team erfasst. Xianyao „Yveltal“ Lis lässiger Dreifachkill mit Mercy lässt mich noch immer nicht los:

Was war in Woche 2 anders? Laut YangXiaoLong hatten sie „die letzten zwei Spiele einfach richtig mies gespielt.“

7. Vancouver haben nach ihrem Sieg über Hangzhou und Dallas nicht nur ihre Siegesserie in der regulären Saison fortgesetzt, sondern auch als erstes Team eine Kartendifferenz von +50 erreicht. Die Titans haben 18 Matches gebraucht, um diesen Meilenstein zu erreichen. NYXL benötigten während ihrer dominanten Saison 2018 dagegen 21 Matches für dieselbe Differenz. Außerdem fehlt den Titans schon jetzt nur noch ein Sieg, um es am Ende der Saison unter die Top 12 zu schaffen – die Grenze, an der sich die Teilnahme an den saisonalen Playoffs entscheidet. Möglicherweise schaffen sie es am Ende von Phase 3 sogar unter die Top 6, wodurch sie automatisch einen Platz in den saisonalen Playoffs sicher haben.

In einer Woche, in der Shock von einem der unwahrscheinlichsten Teams zu Fall gebracht wurden, haben uns die Titans daran erinnert, dass ihre reguläre Saison bisher ein Kinderspiel war und sie nur selten auf Probleme gestoßen sind. Jedes Mal, wenn ich mir anschaue, was ich über die Titans geschrieben habe, ist es bloß eine neue Variation von „Dieses Team ist einfach unglaublich.“

8. Diese Woche stehen einige Rückspiele an, die ihr auf keinen Fall verpassen solltet:

Am Donnerstag läuten wir Runde 2 zwischen Shanghai und Valiant ein. Der Spielplan der Dragons zieht zum Ende noch einmal richtig an und ihre erste Woche mit zwei Matches ist alles andere als einfach – schließlich bekommen sie es mit beiden Teams aus LA zu tun. Valiant haben in den zwei Matches nach ihrer 3:1-Niederlage gegen die Dragons in Woche 1 deutlich mehr Koordination an den Tag gelegt, allerdings steht ihnen kommende Woche außerdem eine Begegnung mit den Titans bevor. Kein einfacher Spielplan für ein Team, das erst langsam wieder zu altem Selbstvertrauen zurückfindet.

Am Freitag treffen außerdem London und New York ein weiteres Mal aufeinander. London hat Höhen und Tiefen durchlebt und war in Woche 1 eindeutig nicht auf NYXLs Sombra-Strategien eingestellt, weshalb sie 4:0 unterlagen. Laut Spitfires Flex-Tank, Jun-Ho „FURY“ Kim, beeinflusste das Match aber ihr Verständnis der Meta:

„Nach unserer Begegnung mit NYXLs Sombra haben wir weiter 3-3-Aufstellungen trainiert und Ana als Sombra-Konter eingeplant“, erzählt er. „Im Training spielen wir immer häufiger mit Ana und schlagen uns damit auch besser. Wir wissen, dass Sombra gut ist. Vielleicht werden wir uns nächste Woche an ihr versuchen.“

Hoffen wir, dass dieses Aufeinandertreffen diesmal ausgeglichener sein wird.

Und zum Schluss gibt es am Sonntag noch die Begegnungen zwischen den Hunters und Fuel (unser Match der Woche) und zwischen Uprising und Eternal. Alle vier belegen Platz 7 bis 12 der Setzliste oder sind nur ein paar Siege davon entfernt. Es steht also einiges auf dem Spiel.

9. Übrigens musste FURYs Zitat weiter oben diesmal nicht aus dem Koreanischen übersetzt werden. Immer mehr koreanische Spielern stellen sich nämlich eifrig ganzen Interviews auf Englisch – sie möchten ihre Sprachfähigkeiten unter Beweis stellen und springen dabei auch ins kalte Wasser, um besser zu werden. Als wir gerade mit FURY fertig waren, betrat Jae-Hui „Gesture“ Hong den Raum und ich sagte lachend: „Nächstes Mal bist du an der Reihe, das Interview auf Englisch zu führen!“

Er streckte den Daumen in die Luft. „Geht klar!“

10. In unserem Feature zum Vatertag führt Insider Mica Burton ihren Vater, LeVar Burton, in Overwatch ein und spricht über die enge Beziehung zu ihm. Schaut es euch auf jeden Fall an, falls ihr es verpasst habt. Nichts geht über wohlige Vatertagsgefühle.

Phase 3 wird am Freitag, dem 20. Juni um 01:00 Uhr MESZ mit der Begegnung San Francisco Shock (13:4) gegen Boston Uprising (7:11) fortgesetzt. Alle Matches der Saison 2019 werden live über overwatchleague.com, die App der Overwatch League, unseren Twitch-Kanal, MLG.com und die MLG-App übertragen und können dort auch online abgerufen werden.