Die Geschichte geht manchmal seltsame Wege – fragt nur mal die Shanghai Dragons. Das ganze Jahr haben sie uns all die Gründe genannt, warum sie nicht mehr das Team sind, das selbst nach 40 Versuchen keinen Sieg einfahren konnte: neue Spieler, neue Coaches, neue Entschlossenheit. Nächste Frage bitte. Woche für Woche, Phase für Phase haben sie mit immer selbstbewussteren Leistungen bewiesen, dass sie nicht länger die Lieblingsverlierer der Overwatch League sind. Und am Sonntag, beim letzten Phasenfinale dieser Saison, haben die Shanghai Dragons diesen Titel endgültig begraben. In der Blizzard Arena Los Angeles erlangten sie mit Mut und Verwegenheit einen 4:3-Sieg gegen San Francisco Shock.

Noch vor einer Woche hätten sich die Dragons diese Szene nicht vorstellen können: Konfetti in den Haaren und auf ihren Tastaturen, eine feuerrote Arena, ein paar Glückstränen und ein Ballonstrauß für Min-Sung „Diem“ Bae, den er zur Pressekonferenz nach dem Match tragen konnte.

„Ehrlich gesagt waren wir irgendwie mutlos, nachdem wir beim Atlanta Homestand gegen Guangzhou verloren hatten“, erinnert sich Haupttank Young-Jin „Gamsu“ Noh. „Aber wir haben viel aus unserer Niederlage gegen sie gelernt, und die Siege über NYXL und dann Vancouver in den Playoffs waren Meilensteine, die zu unserem Sieg heute beigetragen haben.“

Shanghai war das Team auf Platz 8 der Setzliste für die Playoffs. Aber so, wie sie durch die ersten zwei Runden marschierten, hätte man das nicht vermutet. Die Waffe ihrer Wahl war eine chaotische Zusammenstellung aus drei DPS-Helden, deren einziger Zweck es war, das gegnerische Team wie Billardkugeln herumzustoßen. Ein seltsames und wunderbares Nebenprodukt der Meta aus Phase 3 sowie Shanghais einzigartigem flexiblen Kader.

New York Excelsior – einer der Wegbereiter für Sombra in Phase 3 – verbogen sich im Viertelfinale vielleicht ein bisschen zu sehr, um Shanghais breit angelegtem Angriff zu begegnen. Sie kehrten zu einer defensiven Spielweise mit Fokus auf D.Va zurück, die schlussendlich aber nicht standhalten konnte. Im Halbfinale versuchten die Vancouver Titans ihrerseits ein paar eigene einzigartige Strategien. Aber auch sie sahen am Ende etwas hilflos aus und gaben das Match mit einem uncharakteristischen C9 auf.

Shock wollten vor allem ein zweites Rückspiel gegen die Titans, aber sie waren definitiv auf ihre regelmäßigen Trainingspartner vorbereitet. Auf Oasis, der Eröffnungskarte, forderten San Francisco die Dragons mit einer lange ungenutzten DPS-Aufstellung direkt heraus. Aber sie schienen trotzdem immer ein bisschen zu langsam zu sein.

Das waren nicht dieselben Dragons, die sich am letzten Tag der Phase in die Playoffs geschlichen hatten. Über drei Karten ließ Jin-Hyeok „Dding“ Yang einen Raketenhagel niedergehen, Young-Jin „Youngjin“ Jin schlug von allen Seiten zu und Gyeong-Woo „Coma“ Son ließ die Toten im Zentrum eines Kriegsgebiets wieder auferstehen. Sie warfen sich mit Sombra, Doomfist und Wrecking Ball ins Getümmel und gingen mit einer 3:0-Führung daraus hervor.

„Das war das härteste Phasenfinale, das wir je gespielt haben“, sagt Shocks Haupttank Matthew „super“ DeLisi im Anschluss. „Es war anders – niemand spielt Doomfist so viel, wie sie es tun. Bei Vancouver wussten wir beide Male, was wir zu erwarten haben, aber bei Shanghai war es eine etwas komische Situation. Wir mussten uns mehr anpassen als bei irgendeiner der vorherigen Finalrunden.“

Nach Shocks Maßstäben waren die Anpassungen radikal. Sie versuchten ein bisschen von allem: Vom Nachahmen von Shanghais Zusammenstellung mit Orisa, Roadhog und Pharmercy bis zum Einsatz von Reaper. Jay „sinatraa“ Wons Leistung mit Sombra – besonders seine schnellen EMPs – machte Shanghai verrückt und Hyo-Bin „Choihyobin“ Chois vernichtende Genauigkeit mit dem Abschlepphaken unterbrach den Rhythmus der Dragons immer wieder. Shock konnten Diem, den gefürchtetsten Widowmaker-Spieler der Liga, dazu zwingen, von seiner Scharfschützen-Rolle auf Sombra zu wechseln, was noch mehr Druck auf ihr verwundbares Pharmercy-Duo ausübte.

Je weiter das Match voranschritt, desto mehr schien es wieder zu Gunsten von San Francisco zu verlaufen. Sie konnten auf Havanna locker gewinnen und auch Ilios nach einigen packenden Teamkämpfen in den Ruinen für sich entscheiden. Eichenwalde war danach schon fast nur noch Formsache.

Shock beharren darauf, dass ihr Selbstvertrauen nie ins Wanken geraten ist, und diese Aufholjagd ist der Beweis dafür. Als es 0:3 stand, predigte super seinem Team vor jeder folgenden Karte, dass sie aufholen und gewinnen würden. Und moth fügt hinzu: „Ich glaube nicht, dass wir auch nur eine Sekunde nervös waren.“

Aber je länger ein Match dauert, desto kleiner wird der Kartenpool. Und dieses Detail könnte es gewesen sein, was Shanghai schlussendlich half, sich durchzusetzen. Die Dragons hatten die Wahl zwischen Dorado und Watchpoint: Gibraltar. Beide Karten waren perfekt für Diems Widowmaker, aber Dorados Topografie eignete sich ein bisschen besser für Pharmercy. Shanghai wählten Dorado. Sie schienen mit ihrer liebsten Teamzusammenstellung wieder oben auf und gaben in der Verteidigung nur einen einzigen Punkt an San Francisco ab.

Einfach so schwenkte die Geschichte vom Undenkbaren (Shanghai 4:0) zum Absurden (einer Aufholjagd) zu einem dröhnenden ES IST TATSÄCHLICH PASSIERT, als die Dragons endlich Shocks Verteidigung durchbrachen und sich den Sieg holten.

Nachdem Shock das Ruder fast herumgerissen hätten, sahen sie verständlicherweise missmutig aus. Trotzdem können sie auf vieles stolz sein. Genau so wie NYXL in der Saison 2018 haben sie dieses Jahr jedes Phasenfinale erreicht und dabei viele Erfahrungen gesammelt, die ihnen bei den saisonalen Playoffs helfen werden.

Die Dragons hingegen haben jetzt einen Grund mehr, nicht über der erfolglosen Vergangenheit zu brüten. Das heißt aber nicht, dass die einzelnen Spieler und Mitarbeiter nicht mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen hatten.

Die Geschichte geht manchmal seltsame Wege – fragt nur mal Unterstützer Sung-Hyeon „Luffy“ Yang. Er verlor zweimal im Finale mit Kongdoo Panthera und beide Male fehlte nur ein einziger Punkt. Nachdem er am Sonntag diesen Fluch endlich durchbrechen konnte, sagte er: „Ich glaube, ich kann es immer noch nicht fassen, weil ich dachte, dass ich immer Zweiter sein würde und nie eine Chance auf den Sieg hätte.“

Luffy und der restliche ehemalige Kern von Kongdoo besiegten ihre Dämonen, indem sie endlich Meister wurden. Und dann ist da noch Gamsu, dessen fünfjährige Gaming-Karriere noch nie solche Höhen erreicht hatte. „Das ist mein erster Sieg und es fällt mir schwer, das Ganze in Worte zu fassen, aber ich bin sehr glücklich“, sagte er von einem Ohr zum anderen strahlend.

Endlich lastet die Geschichte nicht mehr auf den Schultern der Shanghai Dragons.

Mir fehlen die Worte, aber ich will meinen Teammitgliedern, Coaches und dem restlichen Team danken, dass sie uns hierher gebracht haben. Auch vielen Dank an die Fans dafür, dass sie auf dieser Reise immer an unserer Seite waren. Wir hätten das ohne eure Liebe und Unterstützung nicht schaffen können. Wir haben die Playoffs von Phase 3 gewonnen!!!!! Ich freue mich so!!!

– Gamsu (@GamsuOW) 14. Juli 2019

Alle Matches der Saison 2019 werden live über overwatchleague.com, die App der Overwatch League, unseren Twitch-Kanal, MLG.com und die MLG-App übertragen und können dort auch online abgerufen werden.