Nur allzu leicht vergisst man, dass wir so etwas schon einmal erlebt haben – eine Woche voller derart turbulenter Matches, dass einem als Zuschauer schwindlig wird und man seinen inneren Kompass erst einmal neu ausrichten muss. Wo liegt Norden? Welche Teams sind gut? Was ist die Ordnung der Dinge in der Overwatch League?

Dieses Mal wurden wir immerhin vorgewarnt, als einige Spieler und Teams schon vor Beginn von Phase 4 ins Rampenlicht drängten und unsere Aufmerksamkeit einforderten. Zu Beginn einer neuen Meta, wenn sich alle Teams noch zurechtfinden müssen, fühlen wir uns alle ein wenig wie Alice bei ihren ersten Schritten im Wunderland – plötzlich steht die Welt Kopf.

Woche 2 bescherte uns fünf weitere Entscheidungsmatches, davon eines am Ende einer Aufholjagd und vier richtige Überraschungserfolge – davon gleich zwei hintereinander zum Abschluss des Matchtages am Sonntag. Erst haben Washington Justice die Vancouver Titans mit 4:0 vernichtet. Und zwei Stunden später:

NYXL waren nach der Niederlage der Titans gegen Washington als einziges Team in der OWL noch nie mit 4:0 untergegangen … zumindest bis vor 2 Minuten, als die Hunters NYXL vorführten, was für eine Woche lol #OWL2019

– Matt Morello (@MattMrX) 5. August 2019

In den letzten Wochen der Saison durften wir unvergessliche Momente in der Liga erleben, sei es von Teams auf der Jagd nach einem Platz in den Playoffs oder von Teams, die ganz einfach noch einmal zeigen wollen, was sie können.

1. Diese Woche weiß man zunächst gar nicht recht, wo man anfangen soll, aber letztendlich ergibt es am meisten Sinn, die Sache vom unteren Ende der Tabelle aus anzugehen. Obwohl sie bereits zu Beginn von Phase 4 keine Chance mehr auf die Playoffs hatten, begannen die Teams von Washington Justice und Florida Mayhem, ihr wahres Potenzial zu zeigen – und die einzelnen Spieler bewiesen der Welt, warum sie von ihren Teams verpflichtet wurden.

Als die beiden Teams in dieser Saison in Phase 1 zum ersten Mal aufeinandertrafen, konnten Justice der Aufholjagd von Mayhem ein Ende bereiten. Damals war alles ganz anders – beide Teams fanden sich von Anfang an nicht in der Doppel-Dreiermeta zurecht und große Teile des Matches waren selbst für Fans eher unansehnlich. Jetzt konnten wir aber erleben, wozu die Schadensspieler beider Teams fähig sind, als Washington am Freitag eine spannende Show hinlegten und diesmal selbst eine Aufholjagd bewerkstelligte.

Zu dunkleren Zeiten wäre eine derartige Niederlage für Mayhem vernichtend gewesen. Anstatt sich allerdings entmutigen zu lassen, sammelte das Team aus Florida neuen Mut und besiegte zwei Tage später London Spitfire, die nach Woche 1 noch wie die Könige der Meta ausgesehen hatten, überraschend mit 3:0.

Am Ende von Blizzard World, als Mayhem mit einem Unentschieden auf der Karte das Match für sich entschieden hatten, hielt Unterstützer Jun-Su „Kris“ Choe seinen Teammitgliedern die Faust hin, bevor er seinen Blick sichtbar überwältigt der Decke der Arena zuwandte, und sich erschöpft die Augen rieb.

„Nach dem Ende der Karte konnte ich zuerst kaum glauben, dass wir gewonnen hatten“, erzählt er mir später. „Erleichterung, Aufregung – ich empfand alles auf einmal.“

Kris ergänzte, dass er aus der Niederlage gegen Washington viel gelernt hatte – vor allem, wie man mit Zusammenstellungen mit Mei und Reaper umgehen muss. Zwar war der Sieg über London ein Überraschungserfolg, doch finden sich Florida dank Jeong-Woo „Sayaplayer“ Ha als Experten für Hitscan-Helden in der aktuellen Meta insgesamt hervorragend zurecht.

Die Playoffs liegen zwar außer Reichweite, aber angesichts dessen, wie das Team den Sieg gefeiert und danach über ihn gesprochen hat, ist klar, dass dieses Ergebnis dennoch unheimlich wichtig für sie war. „Davor konnten wir uns nur schwer motivieren, aber dieser Sieg verleiht uns für die Zukunft viel Stärke und Energie“, so Kris.

Hurra!! Endlich haben wir es geschafft
Und ich kann es frohen Herzens auf Twitter erzählen
Ggs @Spitfire

– Kris (@Mayhem_Kris) 4. August 2019

2. Phase 4 ist die Welt von Washingtons Schadensspieler Corey „Corey“ Nigra, und wir können uns glücklich schätzen, in ihr zu leben. Am Montag bescherte er uns eine der dominantesten Auftritte in der Geschichte der Liga, bei der er das beste Team der Liga vier aufeinanderfolgende Karten lang alt aussehen ließ. Worte werden seiner Leistung kaum gerecht, seht also selbst, was genau er auf Hollywood geleistet hat:

Nach dem Ende der Karte hatte Corey mit Hanzo 34 Todesstöße für sich verzeichnet, die zweithöchste Anzahl auf einer einzelnen Karte in der Geschichte der Overwatch League, sowie die höchste Genauigkeit mit kritischen Treffern aller Zeiten. In dieser Meta gibt es für jede Schadenszusammenstellung einen Konter, aber zu einem gewissen Punkt schien Vancouver einfach klar zu sein, dass sie in dieser Begegnung unterlegen waren. Wenn eine unaufhaltsame Macht wie Corey ihren Rhythmus findet, ist jeder Widerstand zwecklos.

Wie Florida ist auch Washington schon aus dem Rennen um die Playoffs ausgeschieden, aber nach einem 3:0-Start in die Phase wollen sie trotzdem noch etwas erreichen. Wie Corey dem Insider Danny Lim nach dem Match erzählte: „Das könnte unsere 7:0-Serie werden.“ Und wer möchte da gegen ihn wetten?

3. Sich in einer neuen Meta zurechtzufinden, ist eine Heidenarbeit, die aber zu unglaublich unterhaltsamen Matches führen kann. Beweisstück A: Die Los Angeles Gladiators haben in Woche 2 insgesamt 10 Karten gespielt und am Samstag Chengdu mit 3:2 bezwungen, bevor sie sich San Francisco in einer spektakulären Achterbahnfahrt geschlagen geben mussten, bei der die Raffinesse von Shock gegen die Kreativität der Gladiators auf die Probe gestellt wurde:

„Wir geben einfach unser Bestes“, erzählt mir der Unterstützer der Gladiators Benjamin „BigGoose“ Isohanni. Es gibt immer noch einige Zusammenstellungen, mit denen sich das Team schwertut – zum Beispiel Houstons Sombra-Reaper in Woche 1 –, aber sie sind zuversichtlich, dass ihr Duo aus Gui-Un „Decay“ Jang und Lane „Surefour“ Roberts mit ihrer großen Heldenvielfalt letztendlich jeder Aufstellung die Stirn bieten kann.

Auch die Unterstützer mussten sich in dieser Meta ordentlich umstellen.

„In der letzten Meta ging es darum, die eigenen Teammitglieder zu unterstützen und sich im Spiel über ultimative Fähigkeiten abzusprechen“, erklärt BigGoose. „In dieser Meta aber werden die Strategien für ultimative Fähigkeiten viel öfter improvisiert, weil man oft zwischen Helden wechselt. Für Unterstützer ist weiterhin am wichtigsten, dass wir unsere Teamkollegen am Leben halten und unseren DPS-Spielern mitteilen, ob wir sie heilen können.“

Im Vergleich zum letzten Jahr gibt es dank Moira und Baptiste auch mehr nützliche Heiler. Sechs unterschiedliche Unterstützungshelden wurden in dieser Phase zu mindestens 17 % der Zeit gespielt. Von ihnen konnte nur Ana die Grenze von 50 % überschreiten. Dadurch wird das Spiel abwechslungsreicher, erklärt mir BigGoose – auch, wenn er selbst manchmal auf Brigitte festgenagelt wird.

„Ich schwinge einfach meine Waffe und mache das, was ich so tun kann, und das war’s“, erzählt er mir lachend. „Man kann Gegner schon gelegentlich für ihre Fehler bestrafen, aber eigentlich muss man nur versuchen, am Leben zu bleiben.“

4. Letzte Woche haben wir das Format der Playoffs 2019 angekündigt. Dieses besteht aus einem Qualifikationsturnier, in dem ein Feld aus sechs Teams auf zwei verringert wird. Darauf folgt ein Turnierbaum mit Doppel-K.o.-Format, das mit dem System vom letzten Jahr nicht zu vergleichen ist.

BigGoose findet den Wechsel zum Doppel-K.o.-Format spannend. „Auch für die Fans können sich großartige Geschichten entwickeln“, erzählt er mir. „Vielleicht wird es ein Team geben, das sofort ausscheidet oder ein Team, das sich aus der unteren Gruppe wieder hochkämpft.“

Die Gladiators sind unter den besten sechs Teams und werden wohl kaum von ihrem Platz verdrängt werden, sodass sie sich darauf konzentrieren können, ihre Position in der Tabelle zu halten.

„Darauf hoffen wir alle – unsere Spiele zu gewinnen und uns um andere Teams keine Sorgen machen zu müssen“, erklärt BigGoose. „Als Team sprechen wir nicht wirklich darüber, aber wahrscheinlich sehen sich einige Leute die Tabelle an. Wer gewinnt, welches Team sollte gewinnen, sodass wir möglichst einfache Matches in den Playoffs bekommen. Das ist aber ziemlich schwierig, weil das Qualifikationsturnier eine Woche nach Woche 5 stattfindet. Bis dahin kann viel passieren. Außerdem wird es auf einem anderen Patch gespielt. Wir werden sehen, das wird das reinste Chaos.“

5. Es scheint, als hätten Atlanta Reign seit Phase 2 die Tabelle mitverfolgt. Zu diesem Zeitpunkt begannen nämlich ihre Schwierigkeiten – viele knappe Matches mit ebenso vielen knappen Niederlagen gegen die besten Teams. Seit ihres Homestands zum Ende von Phase 3 konnten sie allerdings vier Siege in Serie einfahren, und ihr Schadensduo –besonders Projektilspezialist Jun „Erster“ Jeong – kann in der neuen Meta glänzen.

Wenn bei ihnen alles nach Plan läuft, sind Reign weiterhin besonders in der Offensive eines der am spannendsten zu beobachtenden Teams in der Liga. Das haben sie diese Woche wieder gezeigt, als sie zwei der drei schnellsten Rekordzeiten aufgestellt haben – die erste beim 4:0-Sieg über Paris auf Hollywood, der schon nach 4 Minuten und 31 Sekunden feststand, und die zweite beim 3:1-Sieg über Houston auf Route 66, der nur 5 Minuten und 22 Sekunden dauerte.

Aber auch außerhalb des eigentlichen Spiels gelten Reign wegen ihrer wilden Bühnenpräsenz als Publikumslieblinge. Auf Koreanisch wird diese Art von Energie oft als „Spannung“ bezeichnet, was besonders passend ist, wenn man an die Stimmbänder der Spieler denkt, die bei ihrer lautstarken Kommunikation im Spiel auf die Zerreißprobe gestellt werden.

Im Vergleich zu seinen Teamkollegen ist Haupttank Hyeon-Jun „Pokpo“ Park relativ gelassen, aber laut ihm ist diese Art der Kommunikation für den Erfolg des Teams unverzichtbar. „Mir ist lieber, meine Teammitglieder sprechen viel als gar nicht, also finde ich es wichtig, die Energie hochzuhalten“, erklärt er mir. „Das versuche ich auch. Es ist besser, wenn jeder aufgedreht ist, als dass niemand in Fahrt kommt. Auch, wenn ich nicht alles verstehe, was sie sagen, hilft es im Großen und Ganzen.“

Für wie viel Aufruhr können sie nach ihrer aktuellen Erfolgswelle noch in der Tabelle und vielleicht sogar in den Playoffs sorgen?

„Wenn jeder gut drauf ist, könnten wir in dieser Meta zu den drei besten Teams zählen“, so Pokpo.

6. Kyle „KSF“ Frandanisa von Los Angeles Valiant hat ebenso wie Erster, Corey und andere Schadensspieler in dieser Phase den Durchbruch geschafft. In der letzten Saison hatte er noch einen Platz auf der Ersatzbank inne und zum Großteil der Saison 2019 spielte er Zarya, aber nach einigen eindrucksvollen Vorstellungen mit Hanzo ist jetzt klar, warum Valiant ihm ihr Vertrauen geschenkt haben.

„Ich mochte Zarya sehr, aber DPS liebe ich noch viel mehr, das war also toll“, berichtet er mir, nachdem Valiant am Sonntag mit einem 3:1-Sieg über Dallas Fuel ihre Hoffnungen auf die Playoffs aufrechterhalten konnten.

„Ehrlich gesagt werfen wir gelegentlich einen Blick auf die Tabelle, aber grundsätzlich versuchen wir, uns davon nicht ablenken zu lassen“, ergänzt er. „Für uns haben die Playoffs quasi schon begonnen – so sehen wir es, weil wir es uns nicht erlauben können, noch ein Match zu verlieren. Wenn wir es ins Qualifikationsturnier und danach in die Playoffs schaffen wollen, müssen wir jedes Match gewinnen, so als wären wir bereits im Turnier. Ein kleines Turnier vor dem Qualifikationsturnier.“

Auf KSFs Schultern lastet dabei ein zusätzlicher Druck, weil in der aktuellen Meta spielerisches Können so wichtig ist. „Es geht nicht darum, das Match zu gewinnen, sondern den Kampf“, so KSF. „Wenn Hanzo mit einem Glückstreffer einen Kopfschuss landen kann, gewinnt er dadurch meistens den Kampf.“

7. Was bereitet also den besten Teams Probleme?

Als Fan von Vancouver oder London würde ich mir aufgrund ihrer unterdurchschnittlichen Leistungen in dieser Woche keine großen Sorgen machen. Jeder hat mal einen schlechten Tag – die Titans konnten Corey nichts entgegensetzen und Spitfire wurden auf ähnliche Weise Opfer von Sayaplayer. In einer Meta, in der einzelne Spieler ihre Teams zum Sieg tragen können, kommt es öfter zu Überraschungssiegen.

NYXL wirkten in ihrem Sieg über Paris dominant, konnten aber Chengdus einzigartige Strategie für King's Row (die sie in der gleichen Woche selbst mit weniger Erfolg gegen die Gladiators eingesetzt hatten) nicht vorhersehen. Wir haben bei diesem Team bereits vorher einen Hang zur Selbstgefälligkeit bemerkt, aber vielleicht hat sie ihre allererste 0:4-Niederlage gegen die Hunters ja wachgerüttelt – schließlich sind ihre Konkurrenten nur stärker geworden, seitdem sie zum letzten Mal den ersten Platz in der Setzliste der Atlantic Division eingenommen hatten.

Von den aktuellen sechs besten Teams sieht die Lage allerdings für Hangzhou am gefährlichsten aus. Klar muss man bedenken, dass Spark in Phase 4 erst zwei Matches absolviert haben, aber seit der Rollenbegrenzung sehen sie ziemlich verloren aus. Ihre Schadensspieler konnten sich nicht besonders hervortun und es wirkt, als hätte das Team noch nicht die nötige Koordination und Chemie entwickelt. Nächste Woche erwarten sie New York und Chengdu und eine Serie von vier Niederlagen wäre zu diesem Zeitpunkt mehr als nur bedenklich.

8. Ich habe ja oft die Ehre, mit unserem Statistiker Ben „CaptainPlanet“ Trautman zu plaudern. Diese Woche wollte ich ihn zum Mysterium Mei befragen. In der aktuellen Meta blüht sie derart auf, dass sie zur am häufigsten gewählten Schadensheldin wurde (48 % vor den Matches am Sonntag und Montag). Allerdings bestätigt sich ihre Beliebtheit aktuell nicht in der Statistik. Zum Beispiel zählt es nicht als Assist, wenn sie mit einem perfekt positionierten Eiswall ein wichtiges Ziel für einen Pick vorbereitet, und wenn sie damit Schaden abfängt, erscheint das in keiner Defensivwertung.

CaptainPlanet hat mir zugesichert, dass die Spielereinflusswertung diesen Umstand bei der Balance in Betracht zieht. Trotzdem sind die Meis der Liga weiterhin schwer miteinander zu vergleichen, weil sich Meis Einfluss oft nicht in Werten zeigt. Da eine ihrer wichtigsten Fähigkeiten die Beschaffenheit einer Karte ändert, müssen wir visuellere Formen der Analyse in Betracht ziehen – Wärmekarten aus der Vogelperspektive, Graphen mit Koordinatensystem usw. So könnte man vergleichen, ob Charlie „Nero“ Zwarg oder Dong-Jun „Rascal“ Kim ihre Wände effizienter bauen oder verstehen, wie Ethan „Stratus“ Yankel mit seinem Team zusammenspielt.

Ein weiteres Beispiel dafür, wie Overwatch uns zu immer moderneren und genaueren Möglichkeiten anregt, über das Spiel zu diskutieren – und genau deshalb macht es so viel Spaß!

9. Diese Woche gab es so viele aufregende Spielzüge. Johannes „Shax“ Nielsens 6k-Totentanz gegen Seoul ließ Zuschauer vor Freude erschaudern und Hu „Jinmu“ Yis Flankenangriff mit Hanzo auf Junkertown für das Entscheidungsmatch gegen die Gladiators war gleichermaßen genial und atemberaubend. Aber nichts war kreativer und gewitzter als Londons Strategie vom Freitag, Symmetra nutzte ihren Teleporter aus dem Startbereich, um einen Eröffnungskill für Widowmaker vorzubereiten.

Seht euch das an. #OWL2019

Geniale Strategie von @Spitfire.

Die dritte Woche von Phase 4 beginnt am Freitag, dem 9. August, wenn Spitfire (15:10) um 01:00 Uhr MESZ auf die Titans (22:2) treffen. Alle Matches der Saison 2019 werden live über overwatchleague.com, die App der Overwatch League, unseren Twitch-Kanal, MLG.com und die MLG-App übertragen und können dort auch online abgerufen werden.