Habt ihr jemals eine verrücktere Overwatch-Woche erlebt? Als die Arena am Donnerstag ihre Tore öffnete, hatten New York Excelsior und die Vancouver Titans die Meistertitel der Atlantic und Pacific Division fast schon in der Tasche und die Shanghai Dragons hatten sich von ihrer Niederlage gegen die Titans erholt. Im ersten Match der Woche besiegten London Spitfire das Team von Guangzhou Charge in typischer Spitfire-Manier.

Und plötzlich war die Hölle los. Toronto Defiant besiegten überraschend die Dragons, Florida Mayhem triumphierten über Spitfire. Als die Woche schließlich vorbei war, hatten Vancouver und NYXL jeweils gegen Washington Justice und die Chengdu Hunters verloren. Zum ersten Mal in der Geschichte ihrer Teams unterlagen sie dabei mit 4:0. Chaos, dein Name sei Phase 4.

Aber: Hatte diese Woche irgendwelche Konsequenzen?

Diese Frage ist schwerer zu beantworten als gedacht.

In den ersten drei Phasen dieser Saison waren die Sieger- und Verliererteams der Overwatch League klar definiert. Manche Teams haben sich zum Beispiel schon einen Platz in den Playoffs erkämpft (die Titans, NYXL und San Francisco Shock haben ihren Platz in den Top 6 sicher), während Defiant, Justice und Mayhem zwar dem ein oder anderen Team einen Strich durch die Rechnung machen können, aber selbst eigentlich aus dem Rennen sind. Egal, welcher Gruppe die Teams auch angehören – für sie wird es nach dieser Woche in den meisten Fällen keine großen Veränderungen geben.

Anders sieht es für die restlichen Teams der Liga aus. Drei garantierte Playoff-Plätze sind noch unbesetzt und jedes nicht bereits eliminierte Team könnte es ins Qualifikationsturnier schaffen – egal, wie gering die Chancen auch sein mögen.

Doch wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ist ihr Einzug?

Um diese Frage zu beantworten, habe ich auf das Elo-System der Overwatch League zurückgegriffen, um die restliche Saison zu simulieren und so die verschiedenen Playoff-Platzierungen zu berechnen. Das OLE gibt dabei nicht nur Aufschluss über die Stärke eines Teams in einer bestimmten Meta, sondern lässt uns auch Prognosen zu zukünftigen Matchausgängen aufstellen. Die Simulation hätte den Überraschungssieg von Justice über die Titans nicht erwarten dürfen (was auch nicht geschehen ist – in 89 % aller Fälle gewannen die Titans). Allerdings sollte sie bei einem unerwarteten Ereignis wie diesem die Stärke von Justice für die folgenden Matches neu bewerten (was sie auch getan hat – Justice nahmen den Titans fast 134 Elo-Punkte ab).

Elo-Favoritenliste ohne großen Aufwand: Meisterlevel? Hat jemand mal ’nen Taschenrechner?

Zum Glück hab ich das Ganze automatisiert. Versucht erst gar nicht, eure Favoritenliste in dieser Woche eigenhändig erstellen zu wollen. Krasse Woche für Justice, Charge, Defiant und Mayhem. Obwohl, 3 der 4 Teams haben schon keine Chance mehr auf die Playoffs. pic.twitter.com/ibHs46ZbzW

– Ben Trautman (@CaptainPlanetOW) 5. August 2019

Das Beispiel oben zeigt, wieso man das OLE für die Berechnung künftiger Matchausgänge verwenden und keine virtuelle Münze werfen sollte. Gut möglich, dass Boston Uprising jedes verbleibende Match gewinnen und unter die Top 12 kommen. Die Chancen dafür stehen aber laut OLE – verglichen mit einem Münzwurf für jede einzelne Runde – eher schlecht. Das OLE kann Matchausgänge auch mithilfe einer Monte-Carlo-Simulation vorhersagen. Dabei werden tausende (in unserem Fall zehntausende) unterschiedliche Ausgänge simuliert und ihre Verteilung anschließend prozentual dargestellt.

Es ist wesentlich komplizierter, eine Monte-Carlo-Simulation für den gesamten verbleibenden Spielplan durchzuführen und dabei mögliche Entscheidungsmatches mit einzubeziehen, als nur ein einziges Match zu simulieren. Das Thema ist aber echt spannend, deswegen habe ich mir für euch die Mühe gemacht. Ich stelle vor: Die Simulation of Overwatch League Outcome Quantities, also das Simulationsmodell unterschiedlicher Matchausgänge in der Overwatch League – kurz SOLOQ. Wir füttern unser Modell mit 100.000 SOLOQ-Ergebnissen, um die Saisonplatzierung jedes Teams am Ende von Phase 4 zu berechnen.

Ich habe SOLOQ schon Anfang der Woche heimlich aktiviert. Daher können wir uns jetzt genauer anschauen, wie die verrückte Woche 2 die Landschaft der Liga verändert hat. Vergleichen wir als Erstes, wie sich die durchschnittlichen Platzierungen, die unsere Simulation am Anfang der Woche ausgespuckt hat, nach einer der chaotischsten Wochen der Liga verändert haben:

Team Berechnete durchschnittl. Platzierung: Ende von Woche 3 Berechnete durchschnittl. Platzierung: Anfang von Woche 3 Differenz (kleiner = besser)
Titans 1,24 1,21 0,03
NXYL 2,15 2,14 0,01
Shock 2,6 2,84 -0,24
Gladiators 5,45 5,8 -0,35
Spitfire 5,91 6,24 -0,33
Spark 6,51 5,97 0,54
Dynasty 7,74 8,61 -0,87
Fusion 7,99 9,56 -1,57
Dragons 8,52 7,8 0,72
Reign 9,54 11,33 -1,79
Charge 11,16 10,95 0,21
Hunters 11,29 11,5 -0,21
Valiant 13,1 13,03 0,07
Fuel 13,13 12,4 0,73
Outlaws 15,61 14,31 1,3
Eternal 16,11 14,55 1,56
Uprising 16,03 16,15 -0,12
Defiant 17,13 17,14 -0,01
Justice 18,89 19,22 -0,33
Mayhem 19,87 19,6 0,27

Zwei Dinge fallen sofort ins Auge: Die Platzierungen der jeweils besten und schlechtesten Teams der Liga haben sich kaum verändert, während sich das Schicksal von vier Teams der Atlantic Division drastisch geändert zu haben scheint. Zuerst die guten Nachrichten: Philadelphia haben sich nach ihren zwei knappen Niederlagen in Woche 1 (beides Entscheidungsmatches) wieder aufgerappelt und Houston 3:1 und Toronto gerade so 3:2 schlagen können. Diese beiden Siege haben ihre berechnete durchschnittliche Platzierung (BDP) auf 7,99 angehoben, eine Verbesserung um 1,5 Plätze. Der Sieg über Houston hat ihnen außerdem einen ordentlichen Vorteil verschafft, falls sich beide Teams am Ende der Saison wegen identischer Match- und Kartendifferenzen dieselbe Platzierung teilen sollten. Philadelphia hatten Houston bereits in Phase 2 4:0 geschlagen. Wären sie ihnen diesmal unterlegen gewesen, stünde es 1:1 und sie hätten ihre endgültige Platzierung über ein Entscheidungsmatch regeln müssen!*

*Genau das könnte Shanghai und Guangzhou passieren, nachdem sie mit derselben Kartendifferenz jeweils ein Match gegeneinander gewonnen und eines verloren haben.

Wo wir gerade von Houstons Niederlagen sprechen: Reign haben ebenfalls gegen die Outlaws gewonnen und damit alle Chancen von Houston zunichte gemacht, in einem potenziellen Entscheidungsmatch noch etwas zu erreichen. Reign haben seit ihrem Homestand Weekend eine Siegesserie von mittlerweile 5 Matches und ihre BDP hat sich in gerade einmal einer Woche um fast 2 Plätze verbessert. Das letzte Team, das ordentlich zulegen konnte, waren schließlich Seoul. Sie bestritten nur ein Match gegen die Spieler von Los Angeles Valiant und verbesserten ihre BDP dabei um 0,87 Plätze. Gleichzeitig setzten sie sich punktemäßig vor Valiant. Die BDP von Valiant ist nahezu gleich geblieben, da sie siegreich aus ihrem Match gegen Fuel hervorgegangen sind. Die BDP von Dallas hat dafür umso mehr gelitten.

Kommen wir nun zu den schlechten Nachrichten. Der Lichtblick für Reign und Fusion kam auf Kosten der Outlaws und Eternal, deren BDP um mehr als einen ganzen Platz absackte. Durch die Niederlage gegen ihre Konkurrenten in der Division vergaben Houston in nur einer Woche die Chance auf zwei potenzielle Entscheidungsmatches zum Saisonende. Paris haben ebenfalls ein mögliches Entscheidungsmatch weniger, nachdem sie von Reign 4:0 geschlagen wurden.

Auch wenn bei den Outlaws und Eternal momentan Untergangsstimmung herrscht, sollten beide Teams die Hoffnung nicht aufgeben. Die BDP ist schließlich nur einer von vielen Faktoren. Betrachten wir also das große Ganze und berechnen, welche Platzierung die Teams laut ihren SOLOQ-Ergebnissen am wahrscheinlichsten erreichen werden.

img1.png
Die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit, mit der jedes Team die einzelnen Playoff-Platzierungen erreichen kann. Die Größe der Blasen entspricht dabei der Wahrscheinlichkeit, mit der die jeweilige Platzierung erreicht wird. Die Zahl im Inneren gibt die durchschnittliche Playoff-Platzierung wieder.

Fans von Houston und Paris denken nun sicher „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“, auch wenn sie die Grafik mit einer Lupe absuchen mussten. Sie zeigt außerdem, wie unsicher die Plätze 4 bis 12 noch sind. Obwohl die Gladiators, Spitfire und Spark weiterhin die besten Voraussetzungen für einen Platz unter den Top 6 haben, gibt es auch eine realistische Chance für Dynasty, Fusion, die Dragons und die aufsteigenden Reign, das Qualifikationsturnier zu umgehen.

Diese Chancen erstrecken sich aber auch in die andere Richtung, wenn wir uns der Platzierungsgrenze für die Teilnahme am Qualifikationsturnier nähern. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Teams wie Spark, Seoul und Fusion zumindest die Top 12 erreichen. Es gibt aber auch einige Simulationen, in denen das nicht der Fall ist. Es sind diese unwahrscheinlichen Situationen, die Houston, Boston und Paris die Tür zum Qualifikationsturnier weiterhin offen halten und sie noch ein letztes Mal um ihren Platz in den saisonalen Playoffs kämpfen lassen.

Ihr dürftet euch jetzt fragen: Wie unwahrscheinlich sind solche Situationen? In der Grafik unten seht ihr, mit welcher Wahrscheinlichkeit jedes Team laut SOLOQ am Ende der regulären Saison die Top 6 oder Top 12 erreicht:

img2.png
Die Wahrscheinlichkeit, mit der jedes Team am Ende der regulären Saison die Top 12 und Top 6 erreicht.

Ihr täuscht euch nicht: Nicht nur, dass es Boston, Houston und Paris noch immer unter die Top 12 schaffen können, nein! Dallas, Chengdu und Guangzhou sind sogar potenzielle Anwärter auf einen Platz unter den Top 6! Dallas, der unwahrscheinlichste Kandidat des Trios, schaffte es in 83 meiner 100.000 SOLOQ-Simulationen in die Top 6, was einer Chance von 0,1 % entspricht (wenn man aufrundet). Allerdings müssten schon ein paar wahnwitzige Voraussetzungen erfüllt werden, damit es überhaupt soweit kommt. Ein kleiner Auszug:

1. Spitfire oder die Gladiators verlieren alle verbleibenden Matches.

2. Dallas gewinnen alle verbleibenden Matches. Zusätzlich müssen sie ihre aktuelle Kartendifferenz (-14) verbessern und mindestens die von London (+9) oder Los Angeles (+17) übertreffen.

3. Fusion gewinnen höchstens noch ein Match.

4. Dynasty gewinnen höchstens noch ein Match.

5. Entweder Spark oder die Dragons gewinnen mindestens drei Matches – aber nicht beide Teams.

Paris haben wie Dallas und die anderen Top 6-Anwärter noch immer eine minimale Chance, am Qualifikationsturnier teilnehmen zu dürfen. Von den 100.000 SOLOQ-Simulationen erreichten Eternal in insgesamt 263 die Top 12. Hier ist ihre Liste mit absolut abgefahrenen Entwicklungen, die zu ihren Gunsten verlaufen müssten:

1. Eternal gewinnen alle verbleibenden Matches.

2. Uprising gewinnen keines der verbleibenden Matches.

3. Die Hunters gewinnen keines der verbleibenden Matches.

4. Fuel und Valiant verlieren drei ihrer verbleibenden Matches.

Es gibt übrigens noch weitere Möglichkeiten, für die wiederum Charge alle ihre verbleibenden Matches verlieren müssten. Das ist der Vorteil von SOLOQ: Ich muss mir nicht zu jeder einzelnen Abfolge von Geschehnissen den Kopf zerbrechen, die im Laufe dieser Saison passieren könnten. Stattdessen frage ich die SOLOQ-Simulation einfach höflich, was sie so denkt – etwa 100.000 Mal – und sehe dadurch, dass selbst die abstruseste Entwicklung mit großer Wahrscheinlichkeit mindestens einmal ausgespuckt wird. Es ist also noch offen, wer sich im Mittelfeld der Liga platzieren wird, und zum Ende der regulären Saison 2019 wird dieses Rennen noch mächtig an Fahrt aufnehmen. Wir dürfen gespannt sein!

Alle Matches der Saison 2019 werden live über overwatchleague.com, die App der Overwatch League, unseren Twitch-Kanal, MLG.com und die MLG-App übertragen und können dort auch online abgerufen werden.